Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal

Die Bürde der Mutterschaft

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Andrea Fischer Schulthess, Bild: Sibylle Meier

Gute Krimi-Idee: Ein Mädchen wird seit knapp dreizehn Jahren gefangen gehalten. Von ihrer eigenen Mutter. Deren Motive sind lange ein Rätsel. Sie bestraft Meret, indem sie ihr eine Nadel durch den Arm sticht, aber sie beschützt sie auch. Vor denen da draußen. Mit Babynahrung und in Schutzfolie verschweißtem Plastikbesteck wird sie ernährt, damit keine Keime an sie herankommen. Die Mutter überprüft bei ihren Kontrollbesuchen, ob Meret ihre Päckchen Mathe gelöst und Alice im Wunderland gelesen hat. Meret fehlt es an nichts, weil sie Freiheit nicht kennt.

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Rächerin Eichel

Rache süßer Atem klKlappentexte offenbaren, wes Geistes Kind die Marketingstrategien sind, mit denen Krimiknete gemacht werden soll.

Bei Rütten&Loening ist der „Krimi der Saison“ angekündigt, in dem die „renommierte Journalistin“ Christine Eichel auf Frauenemanzipation durch rohe Gewalt macht. Sie weckt Träume primitiver Rachefantasien:

Abgründig, weiblich – tödlich
Zu lange hat Maria gelitten, hat Untreue, Verrat und andere Liebesverbrechen über sich ergehen lassen. Als auch Tom sie betrügt, ihre letzte Hoffnung auf ein Leben mit Mann und Kind, bricht Maria aus der Opferrolle aus. Schluss mit der Demut! Erbittert rechnet sie ab und vertauscht die Waffen einer Frau mit echten Waffen. Sieben Kandidaten stehen auf ihrer Todesliste. Doch bald schon folgt Hauptkommissar Tesoro ihrer blutigen Spur – elegant, verführerisch und gerissen. Der einmalig spannende Rachefeldzug einer Frau, die sich nichts mehr gefallen lässt.

Schlussfolgerung: Echte Waffen sind Waffen der Männer.

Gianrico Carofiglio: Trügerische Gewissheit

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Es ist eher eine Erzählung als ein Roman, aber das ändert nichts am Reiz dieses Nebenwerks von Gianrico Carofiglio. TRÜGERISCHE GEWISSHEIT oder Wandelbare Wahrheit (nach dem Originaltitel von 2014 Una mutevole verità) ist weniger eine – recht durchschaubare – Geschichte um die Ermordung eines alleinstehenden Fieslings als das Porträt eines dieser bedächtigen, lebensklugen Polizisten, die es nur noch wie Alfred Komareks Polt auf den Dörfern zu geben scheint. Oder eben im apulischen Bari, wo Carofiglio aufgewachsen ist und etiche Jahre als Staatsanwalt tätig war.

Aber eben im Jahre 1989, bevor das politische Nachkriegssystem Italiens in Berlusconis Rauch aufging. Da konnte Maresciallo Fenoglio noch in aller Ruhe aus menschlicher Klugheit darauf verzichten, den des Mordes angeklagten und beinahe überführten jungen Fornelli durch ein scharfes Verhör seiner Verlobten unter Druck zu setzen. Fenoglio sammelt Sherlock-Holmes-Zitate und überlässt sich seinen Ahnungen. Den Duft eines Parfüms – Poison –  nimmt er trotz des Blutgestanks am Tatort wahr und folgt ihm bis zur traurigen Enthüllung der Mordhintergründe.

TRÜGERISCHE GEWISSHEIT ist eine kleine nostalgische Erholung vom rasenden Leerlauf der Serienkiller, ein Kabinettstückchen, dessen Verfasser kunstvoll mit den Zwischentönen spielt, die Leonardo Sciascia so meisterhaft beherrschte. Und lässt schon mal einen Blick aus der Vergangenheit in die Zukunft zu: Ein junger Rechtsanwalt namens Guerrieri hat hier seinen ersten Auftritt.


Gianrico Carofiglio: Trügerische Gewissheit
Aus dem Italienischen von Monika Lustig
Folio, 140 S., 14,90€

Chloe Hooper: Der große Mann

Eine erschütternde Reportage über den Tod eines Aborigine in Polizeigewahrsam – und wie es dazu gekommen ist

Chloe Hooper (c) Liebeskind

Geographisch gewagt lokalisierte Elmar Krekeler in seiner Rezension von Garry Dishers gleichnamigem Roman die eher im Süden gelegene BITTER WASH ROAD (Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste März und April) in Australiens „Mittlerem Norden“.
Ethnographisch wie geographisch einwandfrei australischer Norden sind die Schauplätze von Chloe Hoopers erschütternder Reportage DER GROSSE MANN.
In den Jahren 2004 bis 2007 wurde der Staat Queensland von politischen Auseinandersetzungen aufgewühlt, in denen Grundfragen des australischen Selbst- und Geschichtsverständnisses aufbrachen. Der Tod des 36jährigen Aborigines Cameron Domadgee auf der Polizeiwache von Palm Island 2004 führte zu dem ersten Prozess, der je gegen einen verantwortlichen Polizisten wegen Tod in Polizeigewahrsam geführt wurde.

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Jeong Yu-Jeong

Sieben Jahre Nacht kontrovers

Ich fand Jeong Yu-Jeongs SIEBEN JAHRE NACHT einen der aufregendsten Kriminalromane des letzten Jahres. Jeong lieferte genau den Schuss Abweichung – kulturell, erzähltechnisch, Moral-Fokus – von all den anderen Krimi-Schemata, die die wiederholte Lektüre ihres Romans nicht nur rechtfertigten, sondern erneut spannend machten.
Das Ergebnis war nach meinem Beitrag in der ZEIT ein zweiter, der in meiner abwechselnd mit Thomas Wörtche veröffentlichten Krimikolumne in den Literaturnachrichten erschienen ist.
Im gleichen Heft unterwarfen Katharina Borchardt, Anita Djafari und Thomas Wörtche den Roman (mit zwei anderen) einer diskursiven Prüfung. Auch wenn mir das Gemäkel nicht einleuchtet, hier ihr Beitrag.
Weitere kritische Stimmen kamen von Ulrich Noller (enthusisastisch) und eher unwirsch von Ekkehard Knörer.

Jeong Yu-Jeong: Sieben Jahre Nacht
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Unionsverlag, 524 S., 19,95 €

 

 

„Blinde Kommissare“ – auf die Details kommt es an

Jenny Aaron ist nicht die erste, aber einzigartig

Andreas Pflüger hat mit ENDGÜLTIG einen perfekten Thriller geschrieben.
Meine Rezension dazu steht in der ZEIT vom 3.3.16.
Pflügers Heldin – und zwar in allen Bedeutungsfacetten – ist Jenny Aaron, ehemals Top-Agentin einer ultrageheimen „Abteilung“, erblindet, jetzt Ermittlerin im BKA. Jenny wechselt abrupt aus der Rolle der Beraterin und Analytikerin in die der Einzelkämpferin, als sie klarkriegt, dass der Fall, den sie untersucht, eine Falle ist, die ihr gestellt wurde – von ihrem Lebens-Widersacher.

In ihrer leicht irritierten, aber letztlich zustimmenden Rezension behauptet Sandra Kegel (FAZ vom 29.2.16), die Idee einer blinden Kommissarin sei völiig neu: „Selbst im Fernsehen, wo man auf kaum eine Profilvariante bei Kommissaren verzichtet, ist die Idee einer blinden Kommissarin bisher über den Versuch nie hinausgekommen.“
Abgesehen davon, dass der Titel „Kommissarin“ Jennys Aktivitäten ungefähr so scharf beschreibt wie James Bonds Dienstgrad „Commander“ seine Aktionen als 007, stimmt auch die Grundthese nicht.
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Misha Glenny: Der König der Favelas

Als sich Rio de Janeiro als Austragungsstätte für die Fußballweltmeisterschaft bewarb und für die Olympischen Spiele 2016 kandidierte, hatte die Stadt am Zuckerhut ein Problem. Sie galt als unsicher. Mindestens ein Viertel der rund 7 Millionen Einwohner lebte und lebt in Favelas. Und die Favelas wurden von Drogenbanden kontrolliert, auf die die Polizei keinen Zugriff hatte.

Rechtzeitig vor Eröffnung der Olympischen Spiele ist jetzt ein Buch über die Machstrukturen in diesen Inseln der Armut und der Gewalt erschienen. Verfasst hat es Misha Glenny, ein versierter Kenner der internationalen Organisierten Kriminalität. Sein Buch McMafia. Die grenzenlose Welt des Organisierten Verbrechens von 2008 ist ein unverzichtbarer Überblick zum Thema. Das aktuelle mit dem Titel Der König der Favelas ist als Porträt eines Mannes angelegt, der länger als jeder andere brasilianische Drogenboss der Don der berühmten Favela Rocinha war.

Der gute Herrscher

Sein Spitzname ist Nem und wie bei einem Feudalherrn lautet dieser vollständig Nem da Rocinha. Mit dem Unterschied nur, dass Antônio Francisco Bonfim Lopes – so sein bürgerlicher Name – zwar 1978 in Rocinha geboren wurde, aber immer nur ein König auf Zeit war. Ein guter König, daran lässt Glenny kaum Zweifel.

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Christoph Peters: Der Arm des Kraken

Krimimobile aus japanischen und bundesrepublikanischen Versatzstück-Elementen

Japonismus. Faszination durch japanischen Kult und japanische Kultur.
Im anglophonen Kriminalroman häufiger verbreitet: z.b. Trevanian, Barry Eisler , von David Peace ganz zu schweigen. Im deutschsprachigen seit neuestem: Der Arm des Kraken.
Darin fliegt Christoph Peters ins Berlin von 2013 einen Yakuza-Killer ein.
Fumio Onishi operiert seit 10 Jahren international als Manager, Problemlöser und Mörder im Auftrag seiner Firma. Jetzt fürchtet er, mindestens ein Fingerglied opfern zu müssen, wenn er nach Tokio zum Oyabun Takeda zurückkehrt. Der Boss der Nekodoshi-Gumi greift schon zu drastischen Maßnahmen, verzeiht nicht einmal, wenn „die Abstände des Bechers zu Reiskuchenteller und heißem Tuch“ nicht „hundertprozentig präzise“ eingehalten werden. Dann fegt er den Becher mit einer blitzschnellen Bewegung vom Tablett,  so dass der unvollkommene Diener den heißen Tee auf die Füße bekommt, ohne dass der Becher Schaden nimmt.
In Berlin ist der örtliche Repräsentant ermordet worden. Fumio muss aufräumen.
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Jax Miller: Freedom’s Child

Gutmenschen, aufgemerkt: auch eine tätowierte, fluchende Säuferin kann eine von euch sein

Einen lange verlorenen (amerikanischen) Zwilling von Lisbeth Salander glaubt der irische Autor Declan Burke  in Freedom Oliver zu erkennen. Damit reiht er sich in den Chor derer ein, die in der 28 Jahre jungen Debütantin Jax Miller , den kommenden Star der internationalen Krimi-Szene zu erkennen glauben. Ich nicht.
Ihr Erstling Freedom’s Child ist soeben erschienen. (Rowohlt folgt der Filmindustrie mit der Masche der amerikanischen Originaltitel). Freedom trinkt, ist tätowiert, lebt im Zeugenschutz an der Westküste der USA, weit weg von Mastic Beach, einem Kaff voller Krimineller und Sozialhilfeempfänger auf Long Island. Dort soll sie ihren Mann, einen Cop des NYPD, vor zwanzig Jahren getötet haben. Als Matthew Delaney, Bruder des Getöteten und an ihrer Stelle verurteilt, freigelassen wird, ist eine doppelte Jagd eröffnet. Unter dem Fern-Kommando ihrer koksenden 150 Kilo fetten Mutter (sie stirbt später beim Versuch, wieder ins Bett und an Nahrung zu gelangen, wie ein gestrandeter Wal – seltener schwarzer Humor in diesem zu Triefernst neigenden Rache-Wälzer) machen sich drei White-Trash-Brüder Delaney auf, um Schwägerin Freedom umzubringen. Die ist aber nicht mehr in Oregon, weil ihre seinerzeit zur Adoption freigegebene Tochter Rebekah aus der Ersatzfamilie verschwunden ist und von der Mutter gerettet werden muss. Wahnsinnsplot.

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KrimiZeit-Bestenliste August -DIE NEUEN

Bereits zum dritten Mal auf Platz 1:

Havarie von Merle Kröger

Auf  Platz 2: Cutter und Bone von Newton Thornburg (original 1976: Cutter and Bone)

Newton Thornburg (1929 – 2011) war in den USA ein bekannter Autor, auch in deutscher Übersetzung sind zwei Romane von ihm in den achtziger Jahren erschienen, darunter auch Cutter and Bone als „Geh zur Hölle, Welt!“ Allerdings gab diese durchaus elegant gekürzte und handlungsorientierte Übersetzung von Isabella Drott nicht alle Zwischentöne wieder, die jetzt in Susanna Mendes erstmals vollständiger deutscher Version im Polar-Verlag enthalten sind.
Vietnamveteran Cutter und Ex-Marketing-Manager Bone gehören zu den Opfern des American way of life. Als Bone im sonnigen Santa Barbara, wo die beiden zusammen mit Cutters Freundin und Baby in einer Armuts-Symbiose leben, vermutlich Zeuge eines Mordes wird, ergreift Cutter die Gelegenheit, die reichen Kriegsgewinnler abzuzocken. Zwischen den beiden gegensätzlichen Kumpels und etlichen weiteren Beteiligten entsteht ein Kampf nicht um die moralisch beste, sondern um die opportunistischste Lösung ihrer Bedürfnisse – mit bitterem Ende.

„Bücher wie Cutter und Bone werden von Kritikern schnell als Loser-Balladen gelabelt. Doch dafür sind die Töne, die Thornburg anschlägt, zu schräg und schrill. Nicht melancholischer Abgesang ist dieser Roman, sondern ätzendes Wüten, nicht Protest, sondern Anklage. Thornburg zeigt die letzten Zuckungen seiner verlorenen Helden, ihr finales Aufbäumen. Am Ende bleiben nur Einsamkeit und Wahnsinn und Tod. Und das sardonische Lachen von Alex Cutter auf seinem Weg in die Hölle.“ (Marcus Müntefering, SPIEGEL online)
Cutter und Bone von Newton Thornburg ist einer der großen unbekannten amerikanischen Romane der Siebziger.“ (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung)

 

Auf Platz 3: Der namenlose Tag von Friedrich Ani

Mit dem Wechsel Suhrkamp hat Friedrich Ani (*1959, mehrfacher Deutscher Krimipreis) nach Tabor Süden und Polonius Fischer einen neuen Ermittler erfunden. Jakob Franck ist pensionierter Kommissar, ehemals Mordkommission. In den letzten Dienstjahren ergab es sich, dass immer er ausgewählt wurde, um den Angehörigen die Todesnachrichten zu überbringen. Jetzt sitzen die Toten bei ihm am Tisch.


Als Franck vom überlebenden Vater einer Familie, in der sich Mutter und Tochter umgebracht haben, gebeten wird, nachträglich einen Schudigen zu finden, erschließt er die Geschichte eines ungeheuren Verschweigens in dieser Familie. Schweigen als Verbrechen, Verbrechen als verhinderte Kommunikation darzustellen, war schon immer ein Thema Friedrich Anis. Doch mit Der namenlose Tag erreicht Ani eine neue Intensität.

Auf Platz 9: Zurück auf Start von Petros Markaris
(original 2012: Τίτλοι τέλους. Ο επίλογος, sinngemäß: Abspann)

Drei Romane wollte Petros Markaris (*1937 in Istanbul) über die nicht nur ökonomische Krise in Griechenland schreiben, die Verhältnisse haben ihn gezwungen, nach einem 2015 immer noch aktuellen Buch mit Artikeln zur Krise (Finstere Zeiten, 2012) einen weiteren Kriminalroman zu schreiben, in dem anonyme Rächer mit sprechenden Namen das tun, was Politik und Staat versäumt haben: Aufräumen. In Zurück auf Start trifft es zunächst einen deutsch-griechischen Windenergie-Unternehmer, dann einen erkennbar korrupten Nachhilfe-Unternehmer, der von den eklatanten Schwächen des Schulsystems profitiert. Und Katharina, Kommissar Charitos‘ Tochter, die von den Faschisten der Goldenen Morgenröte zusammengeschlagen wird. Die Bürgerkriegsgefahr, vor der Markaris seit Jahren warnt, scheint näher gerückt.
Allerbeste Aufklärung.

Auf Platz 10: Die Möglichkeit eines Verbrechens von Dror Mishani (original 2013: Efsharut shel alimut, wörtlich: Die Möglichkeit von Gewalt)

In seinem zweiten Kriminalroman mit Avi Avraham verfolgt der israelische Autor und Lektor im Verlag Keter Dror Mishani (*1975) die in Vermisst von 2013 eingeschlagene Linie schnörkelloser weiter: Avraham steht in der Tradition der Detektive, die Verbrechen ahnen oder erkennen, wo schlichtere Gemüter schlicht nichts sehen. Noch unter dem Eindruck des letzten Falles, indem es ihm weder gelang, das Leben noch den Leichnam eines Jungen zu retten, traut er dem Braten einer Bombenattrappe vor einem Kindergarten erst recht nicht. Avraham ermittelt auf eigene Faust gegen einen unscheinbaren älteren Vater zweier kleiner Jungen und entdeckt dabei Abgründe, die Ähnlichkeiten mit denen der Ermittler Friedrich Anis haben. Auch Mishani ist ein Autor, der mit seinen Kriminalromanen unter der Maske der Rationalität Schmerz und Einsamkeit aufdeckt.

Mishani ist in seinem zweiten Roman bei sich selbst: keine metaliterarischen Mätzchen mehr. Stattdessen genaue Seelenarbeit: Leise, feine Spurensicherungen an inneren Abgründen. In denen jeder stecken kann ohne es zu wissen.“ (Tobias Gohlis)

Abzurufen ist die ganze KrimiZEIT-Bestenliste August hier