Patrick Mc Ginley: Bogmail

Die Kneipe, in die der Leviathan nicht reinkann

bogmailAls Bogmail 1978 erschien, war die lokale Presse nicht amüsiert. Zu pornograhisch, Nestbeschmutzung, befand damals der „Donegal Democrat“. Kein Wunder, wird darin doch ein Kollege des Donegal Dispatch als trinkfreudiger Kopist immer gleicher Nachrichten über Wetter und Haustiere karikiert. Und die an Roarty’s Kneipentresen entstandene winzige Opposition gegen den modernistisch-scheußlichen Kirchennaubau, den der Pfarrer zur Selbstbeweihräucherung errichten will, hält genau einer Drohung stand, bevor sie kapituliert. Erpressung und Drohung, Gerüchte und Verdächtigungen sind das Nährfutter der dörflichen Existenz von Glenkeel. Der kleine Ort an der irischen Nordwestküste, wohl identisch mit dem Glencolumbkille, in dem Patrick McGinley 1937 geboren wurde, befindet sich in jenem  Urzustand, den Thomas Hobbes als „Krieg aller gegen alle“ bezeichnet hat.
Mit dem Unterschied nur, dass der Krieg nicht offen ausgetragen, sondern jeden Abend mit einem Waffenstillstand unterbrochen wird, besiegelt an Roarty’s Tresen. Bei Hobbes wird der Frieden durch den Leviathan, den mächtigen absoluten Staat, garantiert. Nicht so in Glenkeel: Hier werden die Aggressionen gewaltfrei ausgetragen, im mal gelehrten, mal albernen, aber in jedem Fall einfalls- und wendungsreichen Gespräch.

Weiterlesen

Donald E. Westlake: Fünf schräge Vögel

Neu übersetzt: Das erste Dortmunder Abenteuer

westlake_fuenf_schraege_voegel

Zum erfreulichen anhaltenden Boom der Kriminalliteratur gehört die Wieder- und sogar Neuentdeckung von Autoren und Büchern, die nur scheinbar schon zum alten Eisen gehören. Aber in Wahrheit so frisch zu lesen sind, als wären sie erst vor einigen Tagen erschienen.

Einer dieser Autoren ist der US-Amerikaner Donald E. Westlake, geboren 1933. Sein Revival im deutschsprachigen Literaturraum begann 2008, als der Wiener Zsolnay-Verlag mit „Fragen Sie den Papagei“ die Leserschaft nach Jahren der Publikationspause wieder mit einem seiner Romane um den kaltblütigen Verbrecher Parker beglückte. Westlake war ein wahres Wunder an Wandlungskunst und beherrschte unter diversen Pseudonymen fast alle Genres: die Komödie, den Verbrecherroman, erotische Sujets, Thriller. Als er in der Silvesternacht des Jahres 2008/9 starb, trauerten unter Millionen Lesern auch John Banville, Michael Ondaatje oder Quentin Tarantino.

Sie – wir  – liebten ihn für seinen klaren Blick, seine furztrockene Prosa und seinen skurrilen Humor. Nur er konnte eine der ersten komischen Serien der Kriminalliteratur schreiben. Held dieser Reihe ist der Gentleman-Verbrecher John Archibald Dortmunder.

Hier eine kleine Würdigung, unterstützt von der Stimme des Verlegers und Übersetzers Tim Jung:

 

 

Ian McEwan: Nussschale

Ein Krimi wie von Mozart?

mcewan-nussschaleIm Bücherschrank meiner Eltern gab es einen dieser auf Reeducation-Papier gedruckten und pappgebundenen schmalen Nachkriegsbände mit dem Titel „Plaudereien an englischen Kaminen“. Ich glaube nicht, dass ich es je gelesen habe, aber in Erinnerung sind mir die Zeichnungen geblieben: Salonszenen mit biedermeierlich oder viktorianisch gekleideten Damen und Herren. Erstere mit Teetassen, letztere Pfeife schmauchend. Bilder, die sich deutlich von den Trümmergrundstücken und schlecht beleuchteten Neubauten unterschieden, zwischen denen ich aufwuchs.
An diese unverfänglichen, in der Kinderzeit aufgeschnappten Idyllen, neben denen ich auch Charles Lambs genauer gelesene Nacherzählungen von Shakespeare-Stücken fand, erinnert mich Ian McEwans Nussschale, das ein alter Studienkamerad in einer Rezension kürzlich als „veritablen Krimi“ identifizierte.
McEwans Erzählung von Mordkomplott, Mord und Eifersucht stammt aus der Molekularküche. Sie hat in etwa so viel mit Shakespeares Hamlet zu tun wie Jeffery Deavers querschnittsgelähmtes Superhirn Lincoln Rhyme mit Conan Doyles Sherlock Holmes. Radikale Reduktion in beiden Fällen: Sherlock ist auf die reine Hirntätigkeit eines fast völlig Bewegungslosen geschrumpft, der zaudernde und räsonierende Hamlet ist in die räumliche Enge eines Uterus gesperrt.

Plapperndes Es

Held und schwadronierendes Ich („zaudernder Narr, der ich bin“)  in dieser Nussschale ist ein Fötus im letzten „Trimester“ der Schwangerschaft. Aufs reine Wachsen und Zunehmen beschränkt, Passivtrinker der durch Mutter Trudys Placenta dekantierten Weine und eifriger Mithörer von Bildungsfunk und Papa Johns Gedichten, ist der Knabe – unerwünscht, ein namenloses Es – zu einer plappernden Enzyklopädie gereift, der die europäische Flüchtlingskrise ebenso zu kommentieren versteht wie die Immobilienpreise in St. John‘s Wood.

 

Weiterlesen

Aus der Scheiße

LK_Pollock_Die-himmlische-Tafel_gr-Format_13.inddIn Donald Ray Pollocks DIE HIMMLISCHE TAFEL gibt es in der ganzen Düsternis eine Lichtfigur. Es ist ein Mann, der in der Scheiße wühlt, buchstäblich.
Mit dem, wovon die Frauen angeblich träumen, ist er reichlich ausgestattet. In den Kneipengesprächen der Männer gilt sein Penis als achtes Naturwunder. Der Arzt, den die entsetzte Mutter zu Hilfe gerufen hat, um davon „etwas abzuschneiden“, hat so einen Fleischlappen noch nie gesehen. Er rät dem Zwölfjährigen, später lieber nichts damit anzustellen. Er habe nicht genug Blut im Körper und würde ohnmächtig bei dem Versuch, die nötige Menge an Ort und Stelle zu pumpen.

Als „Missgeburt“ und Strafe Gottes hielt ihn seine ultrakatholische Mutter von der Schule fern, so dass er nicht lesen konnte, als er Gehilfe eines Müllmannes wurde, der auch die Plumpsklos des Ortes zu reinigen hatte. Als dieser starb, wurde Jasper Cone, so hieß der inzwischen Erwachsene, auch offiziell sein Nachfolger – er war der einzige, der sich auskannte und den Job machen wollte – und nannte sich seitdem „Sanitätsinspektor“. Ausgestattet mit Gummistifeln, einem Tropenhelm und einem Schlagstock für die Ratten stocherte er mit einer langen Latte in den Plumpsklos, die damals – 1917 – fast jeder Haushalt in Meade/Ohio besaß, und mahnte ihre Besitzer, wenn sie drohten überzulaufen. Jasper entwickelte mit der Zeit eine Leidenschaft für Hygiene. Bilder von Innentoiletten mit Wasserspülung – das weckte seine Leidenschaft. Als die drei Jewett-Brüder, landesweit als Massenmörder und Banditen gejagt, in Jaspers Kleinstadt kommen, ist er der einzige, der sie nicht totschlagen will, sondern sogar einem von ihnen tatkräftig hilft. Ihm war ihre Sehnsucht nach einem glücklicheren Leben nicht verdächtig.

Man könnte dieses Porträt eines aufrechten Mannes – Pollocks Roman versammelt etliche dieser biographischen Miniaturen, meist allerdings bösere – als Allegorie lesen. Dafür, welche Haltung zu Menschen und Leben vonnöten ist, damit die USA aus der Scheiße kommen.

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind, 432 S., 22,00 €

 

Patrícia Melo – „Queen of Crime“?

Melo Trügerisches LichtLese gerade Patrícia Melo Trügerisches Licht und stolpere beim Aufschlagen des Buches über ein Werbequote aus der Berliner Zeitung, in dem Melo als „Königin des lateinamerikanischen Krimis“ gepriesen wird.

Zweifellos ist Melo eine großartige Autorin, aber den aus monarchischer Begeisterung gespeisten Titel Königin hat sie nicht verdient. Wer sich nur ein bisschen mit ihrem Werk beschäftigt hat, weiß, das sie wie wenige andere Unterwürfigkeit, Heuchelei, Verlogenheit und andere antidemokratische Sekundäruntugenden durchschaut und seziert. Lob – und das ist ja beabsichtigt – sollte besser und klarer formuliert werden. Melo mit anderen Queens wie Agatha Christie oder Dorothy Sayers gleichzustellen, tut allen nicht gut.

Lee Child: Die Gejagten

Drei Reachers sind zuviel

(c) btb

(c) btb

Von Freunden, die Fußballfans sind, weiß ich, dass zum Fan-Schicksal irgendwann auch eine große Enttäuschung gehört. Der Verein ist abgestiegen oder der Star hat ihn verraten oder so was.
Was macht man aber als Autoren-Fan, wenn der Verehrte schwächelt?
Ich tröste mich erst einmal noch mit dem Gedanken, dass Lee Child einfach ein Formtief hat. Allerdings dauert das schon recht lange.
Es hat mit der Frauenfrage zu tun, genauer damit, dass der bisher nur en passant gebundene Reacher sich seit mehreren Bänden (ich meine die deutschen Ausgaben) auf einem romantischen Trip befindet.
Ihm hat es in 61 Stunden – damals im kalten South Dakota – die Stimme von Susan Turner angetan. Sie sitzt dort, wo er zuletzt als Major diente, auf dem Kommandeurssessel des 110. Special Unit der MP in Rock Creek bei Washington, D.C. Sie hat einen so starken Eindruck auf Reacher gemacht, dass er jetzt, in Die Gejagten, dort eintrudelt, um sie zum Essen einzuladen.
Nur ist sie nicht da. Sondern im Knast.

Weiterlesen

Charlie Stella: Johnny Porno

Multiple Vergnügen, scharfer Realismus

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Seinen ermordeten Vorgänger nannten sie Tommy Porno. Jetzt fährt Johnny Albano für Boss Eddie, der wiederum der Vignieri-Familie verantwortlich ist, Filmrollen durch  New York und kassiert die Einnahmen in den Schuppen, Kellerlokalen und Sportstudios, die die Mafia-Franchise-Unternehmer als illegale Abspielstätten für den verbotenen Superfilm Deap Throat benutzen. Und wird von jedermann Johnny Porno genannt.
„Ich heiße Johnny Albano!“ Er mag es so oft wiederholen, wie er will. So wie sie ihm seinen Namen nehmen, verfügen sie auch über seine Selbstbestimmung. Wollen es zumindest.

Weiterlesen

Jesper Stein: Bedrängnis

Miese Bullenspiele

Bedrängnis„Bedrängnis“. Das ist mehr als wörtlich zu nehmen. In seinem dritten Fall steckt Vizekriminalkommissar Axel Steen in der Scheiße, tiefer denn je. Mit Jesper Stein am Tatort Nørrebro.

Stein auf der Brücke

Jesper Stein auf der Dronning-Louises-Brücke, im Hintergrund Nørrebro (C)TGohlis

Jesper Stein gehört zu den Autoren, die ihrer Stadt eine Geschichte geben. Eine dunkle. Ian Rankin tut dies für Edinburgh, und Manuel Vazquez Montalbán hat es für Barcelona getan.
Auf dem Weg über Kongens Nytorv – den Blick auf den weiten Platz versperren meterhohe Bauplatzwände, Kopenhagen bekommt gerade U-Bahn – nach Nørrebro reden wir über Barcelona, die Stadt, deren rauer Duft nach Urin, Fisch, Blumen und Sex aufbewahrt ist in den Kriminalromanen Vazquez Montalbáns. Nørrebro steht das gleiche Schicksal bevor wie dem  barrio gótico. „Sagt ihr auch Gentrifizierung dazu?“, fragt Jesper, und wie immer sind die abstrakten Begriffe global verwendbar.

In der Mitte der Dronning-Louises-Brücke schieben wir unsere Räder von der breiten Bikelane auf den Bürgersteig, um uns umzuschauen. Im Süden begrenzen palastähnliche Häuser, deren Dachaufbauten an Paris erinnern, die reiche Innenstadt. Vom Norden her blicken Mietskasernen aus dem 19. Jahrhundert auf das Zentrum der Metropole. „Hinter den aufgemotzten Fassaden lagen früher kleine, enge Arbeiterwohnungen. Heute muss man Millionen hinblättern, wenn man hier wohnen will. Da oben auf dem Dach, du kannst noch das Gerüst erkennen, hing 2010, als ich meinen ersten Roman schrieb, eine Neonreklame für Irmahühnchen-Eier. Rote, weiße, grüne. Der Einschnitt darunter ist die Magistrale von Nørrebro.“

Vor ihm lag die Nørrebrogade wie eine Schlucht in der Häuserreihe, eine Öffnung in einem massiven Körper aus Stein und Stahl, Asphalt und Häusern, Hinterhöfen und Verstecken. Seine Stadt. Leben und Licht. Er trat in die Pedale und ließ sich in den funkelnden Korridor saugen, blendende Autoscheinwerfer, erleuchtete Busse, Blaulicht und Hunderte kleine Blinklichter von den Diodenleuchten der Fahrräder, umgeben von den grellen Schildern der 24-Stunden- Kioske, Bars und Kneipen. Benzingestank vermischte sich mit dem Duft nach Zimt, Kreuzkümmel, Fleisch und Frittierfett aus den zahlreichen Schawarmabuden. (Unruhe, 2012)

Damals, Unruhe spielt 2007, war die Nørrebrogade eine vierspurige Rennstrecke. Heute müssen sich die Autos mit zwei Spuren begnügen, die Fahrradwege haben sie zusammengedrängt. Wir biegen links ab, zwängen uns zwischen Straßencafés, Fahrradparkplätzen, auf denen die Räder nur darauf warten wie Dominosteine umzufallen, und orientalischen Gemüseläden durch. Die Straße weitet sich zu einem quadratischen, von hohen Bäumen beschatteten Platz, in dessen Mitte ein weites Feld als Sport- und Begegnungsraum abgesenkt ist.
Weiterlesen

Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal

Die Bürde der Mutterschaft

SALIS_AFS_Portrait_web

Andrea Fischer Schulthess, Bild: Sibylle Meier

Gute Krimi-Idee: Ein Mädchen wird seit knapp dreizehn Jahren gefangen gehalten. Von ihrer eigenen Mutter. Deren Motive sind lange ein Rätsel. Sie bestraft Meret, indem sie ihr eine Nadel durch den Arm sticht, aber sie beschützt sie auch. Vor denen da draußen. Mit Babynahrung und in Schutzfolie verschweißtem Plastikbesteck wird sie ernährt, damit keine Keime an sie herankommen. Die Mutter überprüft bei ihren Kontrollbesuchen, ob Meret ihre Päckchen Mathe gelöst und Alice im Wunderland gelesen hat. Meret fehlt es an nichts, weil sie Freiheit nicht kennt.

Weiterlesen

Rächerin Eichel

Rache süßer Atem klKlappentexte offenbaren, wes Geistes Kind die Marketingstrategien sind, mit denen Krimiknete gemacht werden soll.

Bei Rütten&Loening ist der „Krimi der Saison“ angekündigt, in dem die „renommierte Journalistin“ Christine Eichel auf Frauenemanzipation durch rohe Gewalt macht. Sie weckt Träume primitiver Rachefantasien:

Abgründig, weiblich – tödlich
Zu lange hat Maria gelitten, hat Untreue, Verrat und andere Liebesverbrechen über sich ergehen lassen. Als auch Tom sie betrügt, ihre letzte Hoffnung auf ein Leben mit Mann und Kind, bricht Maria aus der Opferrolle aus. Schluss mit der Demut! Erbittert rechnet sie ab und vertauscht die Waffen einer Frau mit echten Waffen. Sieben Kandidaten stehen auf ihrer Todesliste. Doch bald schon folgt Hauptkommissar Tesoro ihrer blutigen Spur – elegant, verführerisch und gerissen. Der einmalig spannende Rachefeldzug einer Frau, die sich nichts mehr gefallen lässt.

Schlussfolgerung: Echte Waffen sind Waffen der Männer.