Archiv für den Monat: August 2013

Deutsche Krimiautoren bei Goethe in Kopenhagen

Nach Stationen in den Ländern bezw. den Bibliotheken der Goetheinstitute u.a. in Lettland, Polen, Tschechien, Litauen, Ungarn, Slowenien und der Slowakei ist die von mir konzipierte Bibliotheksausstellung über deutsche Kriminalliteratur unter dem Titel „Ein Fall für Literatur“ inzwischen in Kopenhagen angekommen. Ich habe darin die meines Erachtens wichtigsten und für die Entwicklung des Genres interessanten deutschssprachigen Autoren vorgestellt – wenn man so will, ein Kanon, entstanden vor inzwischen 3 Jahren im Winter 2010.

Roger Hobbs: Ghostman – hart, schnell, aber..

Hin und wieder versucht es ein junger Autor, in die Fußstapfen des großen Richard Stark zu treten, der in seinen Parker-Romanen noch ein vielleicht letztes Mal den einsamen, utilitaristischen Verbrecher als Fachkraft  für Raub und Überfall verewigt hat. Eine capernovel dieser Art ist aktuell Ghostman, dessen 24-Jähriger Autor Roger Hobbs von Talentsuchern  bereits als  Jünglings-Genie gehandelt wird. 
Der Ghostman ist ein Fachmann für Fluchten, Vertuschungen, Täuschungen und für das Ungeschehen-Machen von Verbrechen. Der wichtigste Mann also, wenn man Großes vorhat und ungeschoren davonkommen will.
Letzteres gelingt den beiden Gangstern nicht, die – gut gedopt und perfekt im Timing – ein Casino in Atlantic City überfallen haben. Kaum haben sie die Fahrer des Geldtransporters umgenietet und den 12-Kilo-Klotz Frischgeld aus der Bundesbank an sich gebracht, stehen sie selber unter Beschuss: Einer stirbt, der andere kann schwer verletzt fliehen. Marcus Hayes, der jugmarker (man kann bei Hobbs eine Menge Fachausdrücke und technisches Zeug lernen) des Überfalls, schickt Ghostman Jack Delton los. Jack hat weniger als 48 Stunden Zeit, die Beute vor dem Zugriff der Polizei oder des konkurrierenden Drogenbarons vor Ort in Sicherheit zu bringen. Denn in dem plastikverschweißten Packen mit 1,2 Mio Dollar (die Zeiten der  mythischen Milion sind vorüber) steckt eine Bundesbeiladung. Das ist ein Sprengsatz, der nach einer programmierten Frist das Geldpaket in die Luft pustet und eine Spur schafft, die sogar der dümmste Polizist nicht übersehen kann. Ghostman hat einen Job in Kuala Lumpur vermasselt und steht in Hayes Schuld.
Wie er sich auf der schmalen, halb versumpften und halb verrotteten Landzunge durchmogelt und -mordet, ist schon prima gemacht, vor allem die Konfrontation mit dem lokalen Druglord „Wolf“, der seine Feinde gerne mal ein Pfund Muskat runterwürgen und daran krepieren lässt, ist nicht schlecht choreografiert. Aber Hobbs gelingt es nicht, wirklich Interesse für Ghostmans Davonkommen zu wecken. Dafür ist der Kerl zu kalt und zu perfekt. Sein Hobby, das Übersetzen aus dem Lateinischen, wirkt als Charakter-Accessoire übertrieben, und wenn Ghostman bekennt, er wolle der Langeweile Ovids durch Action entkommen, dann klingt das genau so: als Statement für die Kulisse. Zudem wird Ghostmans Part aus der Ich-Perspektive erzählt, was rein erzähltechnisch seine Überlebenschancen auf 100 % bringt.
Kurz, trotz Lee Childs Lob für das Debüt des 24-jährigen Autors Hobbs: Richard Starks Parker war unter anderem deshalb so gut, weil er nur halb so viel geredet und mehr nachgedacht hat. Ich bin gespannt, wohin sich Hobbs entwickelt. In Richtung Greg Iles, der nach einem beachtenswert spannenden Debüt zum Pageturn-Plotter wurde, oder doch zum Nachfolger – wenn schon nicht Starks, dann vielleicht Lee Childs?



Roger Hobbs: Ghostman
Deutsch von Rainer Schmidt; Goldmann, 384 S., 14,99 €

Nordische Krimis

Was ist das Nordische an den Nordischen Krimis?
Im Interview mit der Kollegin Nina Peters für die Westdeutsche Zeitung haben sich dazu ein paar Gedanken herausgeschält:
Mit Leserwahrnehmungen wie „düster“, „melancholisch“, „blutrünstig“ kann ich nichts anfangen. Das kann nicht auf alle geschätzt 150 neuen Titel pro Jahr aus Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Island zutreffen. Zumal es darunter sehr witzige gibt.
Meine Thesen möglicherweise auch nicht.

  1.  Als Wohlfahrtsstaaten am politischen Rande des Westens (Finnland, Norwegen) und geografischen Rand Europas haben die nordischen Länder eine verschärfte Wahrnehmung ausgebildet für das Prekäre der sozialen und ökonomischen Existenz, für die Probleme sozialer Isolation bzw. für die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Zusammenhalts in einer menschenleeren Naturlandschaft mit kleinen Siedlungen und wenigen Zentren. Unbürokratische praktische Solidarität wird dort höher bewertet und ist notwendiger als in Zentraleuropa.
  2. Von der Mitte Europas aus lesen wir nordische Kriminalliteratur als Signale und Warnungen für die Gefährdung von Wohlstandsgesellschaften, die dort vielleicht schon erahnt werden und bei uns eintreten könnten.
  3. Die ausgesetzte geografische und politische Lage, die zeitweilige, unterschiedlich intensive politische Neutralität sowie die besondere Abhängigkeit vom Weltmarkt erfordern besondere Aufmerksamkeit für die Weltläufte. Daher von Ian Guillou über Leif Davidsen bis zu Arne Dahls opcop-Truppe immer wieder der Anlauf zu Kriminalromanen, die geopolitische Ortungen unternehmen. In Finnland hat die konfliktreiche Grenze zu Russland und der ehemaligen Sowjetunion einen spezifischen Typus Gangsterroman hervorgebracht, Prototyp der Karelier Viktor Kärppä in den Romanen Matti Rönkäs, der grenzübergreifend zwischen russischen und finnischen Gangstern seinen Schnitt sucht.
  4. Nicht spezifisch nordisch, aber verständlich weil marktkonform sind die Versuche von Autoren wie Jussi Adler-Olsen, Stieg Larsson, Jo Nesbø, Ilkka Remes, Leena Lehtolainen Krimis zu verfassen, die mit dem internationalen sprich anglo-amerikanischen  Pageturner-Mainstream kompatibel sind. Gerade ihre auf Marktgängigkeit gebügelten Blockbuster werden bizarrerweise als Inkarnationen einer „skandinavischen Kriminalliterateratur“ angesehen, obwohl sie, von den Tatorten abgesehen, wenig Skandinavisches und viel Amerikanisches haben.
  5. Die Vorstellung vom „Nordischen“ wird überstrapaziert, wenn man sie auf den Autor anwendet, der als einziger versucht hat, so etwas wie „nordische“ Kriminalromane zu schreiben: Håkan Nesser mit seinen zehn Van-de-Veeteren – Romanen, die in einem fiktiven, topografisch zwischen Holland und Mittelschweden changierenden Nordland spielen. Ganz Nesser sind die darin unternommenen Erkundungen menschlicher Existenz.

Singulär – nordisch oder nicht nordisch, das ist hier keine Frage – sind aus meiner Sicht
in Schweden:

in Finnland:

in Norwegen: