Archiv für den Monat: September 2013

Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes 1

Leute, es gibt wieder Champagner.
Man kann ihn nicht immer trinken, aber wenn es welchen gibt, dann sollte man ihn saufen. Unter dem Auge Gottes ist Champagner. Wie alle zehn anderen Romane um Isaac Sidel zuvor.
Es ist die Zeit nach den Wahlen und vor der Amtseinführung des Präsidenten. 1988 in Jerome Charyns Fiktion, ein Jahr vorm Ende der Reagan-Administration in der Realität.
Die Bronx war damals eine Wüste, es sah aus wie nach Bombenangriffen. Von „Dünen“ scheibt Charyn. Sidel ist noch Mayor, Bürgermeister von New York. Er und der zukünftige President Michael J. Storm haben die Präsidentschaftswahl gewonnen, aber noch sind sie nicht ins Amt eingeführt. Da entdeckt Sidel, dass in der Bronx das Militär eingezogen ist. Wie im Mittelalter, als die Könige ihren rebellischen Städten Burgen und Besatzungstruppen aufoktroyierten. Das will Sidel verhindern. Dazu tut er sich mit David Pearl zusammen, der einst den größten Mann der kosher nostra Arnold Rothstein beerbte. Pearl, der mächtigste Ganove der Welt, haust unterm Dach des Ansonia-Hotels, ein alter Mann in Pantoffeln und schlabbrigem Pullover. In einem Museum für Inez, die vor vierzig Jahren verstorbene Geliebte Rothsteins, hält er eine neue Inez. Isaac verliebt sich in sie und ihre silbernen Haare. Auch sie ist keine Zuflucht und keine Hilfe für den Mann mit der Glock im Hosenbund, der die Bronx retten will. Umgeben von FBI-Leuten, die ihn vielleicht erschießen werden, und angegriffen von gedungenen Mördern zieht Sidel nach Texas. Von dort kommt Mr. Mars her, der Verteidigungsminister, der ihm seine Bronx nehmen will.
Niemandem kann er trauen, nicht einmal den Walnußplätzchen seiner Lolita Marianna, der Tochter Storms, die auf Isaacs Schoß sitzen sollte, aber aus Schicklichkeit von ihm ferngehalten wird.
Es ist ein wunderbarer Kampf, den Sidel mit Tränen, Glock und Cop-Intuition führt, wunderbar im Charyn’schen Sinne.
Ein grandioses Buch, mit allem, was wir an Charyn lieben: die auch mit detektivischen Mitteln nicht mehr auflösbare Verquickung von Stadtgeschichte, Gossip und Mythos, die dubiosen, wie in Fliegenflügel gekleidet schillernden Figuren (so David Pearl, Sidels Förderer und schlimmster Feind), das wilde Flackern der Emotionen, die wie Nordlichter epochale Form und Größe annehmen.
2010 hat der Rotbuch-Verlag, der lange Zeit Jerome Charyns deutscher Verlag war, die ersten vier Romane um Sidel als Isaac-Quartett veröffentlicht.  Ich habe dazu ein Nachwort geschrieben, das jetzt, um Charyn zu ehren, auf meiner Homepage nachzulesen ist.

Jerome Charyn: Unterdem Auge Gottes
Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bürger
Penser Pulp bei Diaphanes, 286 S., 16,95€

Penser-Pulp-Herausgeber Thomas Wörtche versichert in seinem Nachwort, Unter dem Auge Gottes sei erst der Einstieg in die Pflege des großartigen Werks von Charyn. Auch wir werden gerne ein Auge drauf haben.

Wolfram Fleischhauer: Schweigend steht der Wald.

Das ist ein sehr deutsches Buch. Das bedeutet: Es ist ernsthaft, es ist politisch korrekt, und es ist brav. Man kann es als Schulbuch empfehlen.
Der Wald steht im Zentrum. Der deutsche Wald. Nicht nur im Titel, der an der Deutschen Lieblingslied erinnert. Einmal heißt es: „Manche Völker schauen aufs Meer. (..) Aber wir schauen in den Wald. So sind wir eben. Da kommen wir her und da gehen wir immer wieder hin.“ Bei Faunried steht er, ein „Märchenwald“. Und wie bei den Brüdern Grimm verbirgt er Grausiges. Man muss es nur richtig lesen. Das tut Anja. Sie ist Forststudentin und macht dort ein Praktikum. Ihr Nachname ist Grimm.
Im Dorf gibt es eine verschworene Gemeinschaft alter Männer. Sie beobachten, mit der Hilfe eines Kripobeamten, der auch ein Sohn eines der alten Männer ist, das Treiben der Praktikantin. Sie „liest den Wald wie keiner von uns.“ Das ist bedrohlich. Denn die alten Männer haben im Wald etwas versteckt.
Wir ahnen es bald. Denn Anja hat in diesem Dorf ihren Vater verloren, als sie acht Jahre alt war. Er kam vom Botanisieren nicht mehr zurück. Und nachdem Fleischhauer den topographischen Horizont etwas erweitert und offenbart hat, dass der Wald in der Nähe vom ehemaligen KZ Flossenbürg liegt, ahnen wir, worum es geht: Um NS-Verbrechen und ihr Verschweigen.
Es gibt beeindruckende Szenen in Schweigend steht der Wald. Die stärkste führt ins Dilemma. Ein junger Historiker – einsam auf weiter Flur  – lässt Anja ihre Schuhe ausziehen und barfuß einige Meter über die scharfen Granitsteine den Weg gehen, den die KZ-Häftlinge täglich mit schweren Lasten nehmen mussten. Während der Historiker die begangenen Grausamkeiten des KZ-Alltags aufzählt, schweigt Anja: „Das weiß ich doch alles, dachte sie. Gar nichts weißt du, schrien indessen ihre Füße.“
Leider hat Fleischhauer das Buch mit dem Kopf und nicht mit den Füßen geschrieben. Vielleicht ist der Stoff zu groß. Aber das Ergebnis ist, dass sich der Kriminalfall, der 1999 spielt, teilweise als Begleiterzählung zur Gedächtnispolitik von Flossenbürg liest. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte hat sie als Bedeutungswandel beschrieben: Vom Stigma zum Standortfaktor. Die alte Generation macht, was sie immer schon getan hat, 1945 und 1979, als sie den Vater von Anja umbrachte. Die alten Nazis halten den Deckel drauf, mit Gewalt. Und die jüngere Generation, die Kinder? Haben von nichts nichts gewusst. Und als sie dank  Anjas Beharrlichkeit und Kunst des Waldlesens den Tatsachen nicht mehr ausweichen können, werden sie von Reue und Aufklärungswut befallen.
Aber warum? Mussten sie? Ist die Wahrheit allein so unausweichlich?
Ausgerechnet dem Marketingfachmann unter ihnen legt Fleischhauer den eingangs zitierten kulturwissenschaftlichen Wald-Unsinn in den Mund. Das ist weder glaubwürdig noch erzählt.
Im Handlungsverklauf gibt es viele Stellen, an denen Fleischhauer den versöhnlichen Weg des braven Realismus hätte verlassen können ins Unverbesserliche, Bittere. Nur einmal traut er sich. Da interpretiert der KZ-Historiker das Märchen von Hänsel und Gretel als Apologetik des Faschismus. Aber dann geht es zurück in den Wald.
Keine Frage: Von den Verbrechen der NS-Zeit und vom Umgang mit ihnen muss immer und immer wieder erzählt werden. Fleischhauer berichtet Erschütterndes. Aber er berichtet nur. Seine Figuren reagieren mit stummer Ohnmacht oder mit Schulaufsätzen.
Dieser Wald schweigt immer noch.


Wolfram Fleischhauer: Schweigend steht der Wald
Droemer 2013, 400 S., 19,99 €