Archiv für den Monat: November 2013

Rowlings Kuckucksei

Der Plan ist nicht aufgegangen. Joanne K. Rowling wollte unter dem Pseudonym Robert Galbraith ganz neu und unerkannt anfangen, mit einem Krimi. Wie nicht anders denkbar, wurde sie verraten. Von einem Anwalt ihres Vertrauens. Er steckte der Presse die wahre Identität des pensionierten Soldaten „Galbraith“, der – so war es geplant – wegen seiner militärischen Vergangenheit keine Interviews geben und Fotos zulassen konnte.
Das passt: Der Ruf des Kuckucks erzählt von der schönen Lula Landry, die von einer Familie geldbesessener Anwälte adoptiert wurde. Kaum hat sie sich dank ihrer Schönheit als Supermodel sozial und finanziell von dieser Herkunft emanzipiert, wird sie vom Balkon ihres Penthauses gestürzt.

Natürlich ist es Mord, und natürlich bucht die Polizei den Sturz der Schönen als Selbstmord ab. Das ist die Geschäftsbedingung, unter der Rowling einen Privatdetektiv ins Spiel bringen kann. Es muss etwas aufgeklärt werden, dass der Polizei nicht zugänglich ist.  Das ist die Liebe.
Lulas ebenfalls adoptierter Bruder John Bristow liebt die Verstorbene so sehr, dass er die Selbstmordthese nicht akzeptieren kann und Privatdetektiv Cormoran Strike beauftragt, den Fall vom Balkon noch einmal zu untersuchen. Rowling beschreibt Bristow ambivalent als gut angezogen, aber nicht attraktiv: teigiger Teint, dicke Brillengläser, hasenartige Mimik. Sympathisch wird er durch seine Zuneigung zur kleinen toten Schwester. Er ist der einzige, der ihren Tod bedauert. Die anderen Familienmitglieder, alle mit der Anwaltskanzlei des verstorbenen (impotenten!) Adoptivvaters verquickt, hielten sie für verwöhnt und asozial. Lulas biologischer Vater war schwarz.
All das kriegt das Detektivpärchen Strike und Robin in ermüdend langen Ermittlungen und Zeugenbefragungen heraus. Rowling charakterisiert die seit mehreren Jahren mit einem Buchhalter verlobte Robin als patentes, rücksichtsvolles Mädchen, das von seiner romantischen Begeisterung für das Detektivspielen  und für den unterschenkelamputierten Strike dazu verleitet wird, gegen ihre wirtschftlichen Interessen bessere Jobangebote auszuschlagen und bei dem armen Mann zu bleiben, der unter Einsamkeit und hohen Schulden leidet. Strike muss einen Kredit bedienen, den ihm sein steinreicher Vater, ein in die Jahre gekommener Rockstar, gewährt hat. Würde er seinen Sohn lieben, hätte er ihm die Summe geschenkt, die „weniger wert ist als das beschissene Badesalz seines Butlers.“
JK Rowling bietet die Schmachtfetzenvariante der sozialen Anklage eines Charles Dickens: Geldversessene Eltern, ungeliebte Kinder.
Aus diesem Elend ragt die von Keuschheit, Respekt und militärischer Disziplin geprägte Kameradschaft von Robin und Cormoran heraus. Über den Tod hinaus verbündet sich das Heldenpaar mit der anderen wilden Edlen, der „milchkaffeefarbenen“ Schönheit Lula. Denn hinter der Glamourfassade des Topmodels schlug ein einsames, mildtätiges Herz. Lula hat sich rührend, und ohne dass es ihr gedankt wurde, um eine prollige Mitpatientin aus der Entziehungsklinik gekümmert. Sie hat ihre Millionen dem lange gesuchten leiblichen Bruder überschrieben, der  in Afghanistan Her Majesty dient. Dieser brave Soldat ist der einzige, der nicht von der Tandwelt des Geldes infiziert ist – und deshalb damit belohnt wird.
Dieser viktorianische Kitsch, der, wie Kolja Mensing aufzeigt, mit jeder Menge Ressentiments vermischt ist, fällt deshalb nicht sofort ins Auge, weil Rowling ein Händchen für die Schilderung von Situationen und Szenen hat. Auch eine gewisse Ironie mildert die moralisierende Dichotomie und verschafft  angenehme Lektüregefühle. Manchmal scheint es, als bediene Rowling sogar den Dekonstruktivisten im Leser. So lässt sie Cormorman Strike just dann die Treppe runterfallen, als er endlich den schlagenden, letzten Beweis gefunden hat. (Übrigens im herausnehmbaren Seidenfutter einer Designerhandtasche.)
Solche Spielchen könnten den Eindruck erwecken, Rowling nehme die Konstruktion ihres Romans auf die Schippe. Kein bisschen:  Ihr Detektivpaar ermittelt wie aus dem Lehrbuch des Rätselkrimis vergangener Zeiten.
Strike, der aussieht wie Jack Reacher, aber infolge seiner Behinderung nicht wie dieser handeln kann, verwandelt sich im zähen Fortschritt der Ermittlungen immer mehr in einen Hercule Poirot, der seine Leser mit Hinweisen auf Erkenntnisse zu fesseln versucht, die er demnächst enthüllen wird, jetzt aber noch nicht offenbaren kann. Gähn.
Der Ruf des Kuckucks kritisiert die Geldgier- und Promigesellschaft durch rückwärts gewandten Eskapismus. Deshalb entlarven Rowlings edlen Pappdetektive auch keinen Verbrecher: Der Mörder ist ein Wahnsinniger. Klarster Beweis seines Wahnsinns: Er hat sie engagiert. Nur so kann Rowling den Einsatz ihres viktorianischen Klischeepärchens im 21. Jahrhundert dramaturgisch legitimieren.

Robert Galbraith, d.i. JK Rowling: Der Ruf des Kuckucks
Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz
Blanvalet 640 S., 22,99 €

Jörg Maurer: Unterholz und Elise

Jörg Maurer, geboren und wohnhaft im „Kurort“ am Wettersteingebirge, war in Hamburg und gab zum Abschluss des diesjährigen Hamburger Krimifestivals ein musikkabarettistisches Krimisolo.
Vorab hatte der „Kultkabarettist“ dem heimischen Abendblatt ausgetüftelte Antworten auf die Fragen gegeben, die man Krimiautoren so stellt. Manch ein Besucher, das ergab eine Blitzumfrage in der Reihe hinter mir, kam mit Dialogen wie diesem nicht völlig klar: „Und wie ist dann die Figur Ihres Kommissars Jennerwein entstanden?“ „Maurer: Ich habe mit den Ohren angefangen.“ Aber trotz Unverständnis waren die weltoffenen Hamburger gekommen, Kampnagels K 6 war mit ca. 700 Besuchern voll.
Verwundertes Schweigen sank nach dem ersten „erfreulichen Geräusch“ (= Applaus) herab, als der Autor vorführte, dass man den Anfang seines Romans Unterholz als Thriller ebenso wie als Gutenachtgeschichte vortragen kann. Kommt auf Stimme und Intonation an. Blut ist auch nur ein grauslicher Saft. Als Maurer –  beim ersten Solauftritt am Gasteig vor 40 oder 30 Jahren ins Stocken gekommener und deshalb zum Kabarettisten abgestiegener Konzertpianist – Beethovens Kinderquälerei „Für Elise“ mit Pink-Panther-Melodiefetzen und Tatort-Erkennungsmelodie aufrockte, da kamen den Hanseaten doch ein paar Bedenken. Sollte das Krimi sein? Oder heiteres Melodienraten?
Es war ’ne Wucht. Fand ich.
Musik sind auch seine Romane, die zu Verkaufszwecken Alpenkrimis genannt werden. Sie unterhalten nach dem Zwiebelprinzip in zahllosen Schalen: die Schuhplattler können mitplatteln, die Touristen die Authentizität anbeten, die Krimikritiker kichern, die Asiaten Haikus entdecken und die organisierten Verbrecher sich weiterbilden. Prädikat: absolut unschädlich für Doofe. Mit breitem Dialekt-Angebot.


Jörg Maurer: Unterholz
Scherz, 432 S., 9,99-14,99€

Dror Mishani und der Krimi in Israel

Thekla Dannenberg, Krimikolumnistin beim Perlentaucher und Jurymitglied der KrimiZeit-Bestenliste,  hatte kürzlich Gelegenheit, den israelischen Autor Dror Mishani zu sprechen. Sehr interessant!
Mishani ist für die israelische Elite zweifach provokant: Er schreibt Kriminalromane und die schreibt er über Mizrachis, das heißt: über orientalische Juden. Die können per se keine Helden sein, also auch keine erfolgreichen Polizisten. Aber: Genau so ein Loser-Cop ist Protagonist seines ersten auf Detusch erschienenen Kriminalromans. Krimi – mitten in der gesellschaftlichen Kontroverse!
Mich hat Mishani auch fasziniert.


Dror Mishani: Vermisst
Asu dem Hebräischen von Markus Lemke
Zsolnay, 352 S., 17,90 €

Dennis Lehane – geboren am 4. April 2012?

Es ist schon irre,  welchen Wahnsinn facebook produziert.
Auf der Suche nach dem richtigen Geburtsdatum Dennis Lehanes, das in der deutschen Wikipedia mit 1966 falsch angegeben ist, habe ich mir auch seine facebook-Fanseite angesehen, die von seiner literarischen Agentin Ann Rittenberg betreut wird. Schaut selbst und staunt:

 

Soweit Marc Zuckerbergs „Chronik“, das A und O virtueller Blödheit.
Für die, die’s wissen wollen: Dennis Lehane, der elf Kriminalromane, ca. 50 Kurzgeschichten und etliche Drehbücher für Filme und TV-Serien verfasst hat, wurde am 4. August 1965 geboren, eine Tatsache, die zwischen deutschen und amerikanischen Quellen umstritten ist. Sein eigener neuer Verlag Diogenes und die meisten, die von dort oder der deutschen Wikipedia abschreiben, gehen von 1966 aus. Seine Agentur, die es nicht so genau nimmt, schweigt über das exakte Datum. Er selbst geht von 1965 aus: „WHEN I was 9 years old, at the height of the busing crisis in 1974..“ schrieb er in der New York Times im April 2013.

Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde

Ein Heidenspaß und ein bitterböses Buch: Ana Paula Maias Krieg der Bastarde. Man kann es lesen wie ein Kippbild. Als Überlebenskampf einiger junger Leute in einer brasilianischen Großstadt, die auf Pump leben mit ihrer Schlauheit als einzigem Kapital. Oder als gnadenlose Jagd des fetten Don Zeferino auf diejenigen, die sein Koks und sein Geld beiseite geschafft haben, um selbst mal aus den Schulden zu kommen oder zu einem Dach über dem Kopf. Maia nimmt es von der Seite der jungen Leute und erzählt es aus der Sicht eines der wenigen, der den Einsturz eines Hauses, einen boxkampf mit allen Mitteln und etliche Mordanschläge überlebt haben. Meine Rezension in den Literaturnachrichten findet Ihr hier.


Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde
Aus dem Portugiesischen vn Wanda Jakob
A1 Verlag, 222S., 18,80 €