Archiv für den Monat: Dezember 2013

Martin Cruz Smith: Gorki Park/Tatjana

Es war der erste Kriminalroman, der in der Sowjetunion spielte, verfasst von einem amerikanischen Autor: Gorki Park. Inzwischen versuchen allerhand schlechtere Nachfolger, Martin Cruz Smith zu imitieren. 1972 hatte er gerade einmal sechs Tage Zeit, als Pauschaltourist Moskau kennen zu lernen. Diese Eindrücke, seine Erfahrung als Underdog (doppelt: seine Eltern waren Wandermusiker, seine Mutter Tochter eines Yaqui-Indianers und einer Frau mit spanischen und pueblo-indianischenWurzeln) und sein in zig Heftchenromanen scharf geschliffenes Talent reichten aus, mit Arkadi Renko einen unsterblichen Ermittler und ein in Grautönen fluoreszierendes Bild Moskaus unter Breschnew zu schaffen.
Ich hatte 2010 die Gelegenheit, ihn in Kalifornien zu besuchen. Das war die Grundlage für das Nachwort, das ich jetzt zur Neuauflage von Gorki Park beisteuern durfte.
Natürlich hat manches darin ein wenig Patina angesetzt. Und jüngeren LeserInnen mag es wie Nicole gehen: Es macht schon einen Unterschied für die Lektüre, ob man die UdSSR noch als real existierenden Staat gekannt hat oder heute als geschichtliches Phänomen betrachtet. Mich hat bei der Wieder-Lektüre vor allem die weitsichtige, im Film weitgehend ausgesparte Verwicklung der Intrige mit den Machenschaften beider Geheimdienste erstaunt. Der Showdown zwischen Renko und dem Pelzhändler Osborne findet nämlich in New York statt, assistiert von CIA/FBI einerseits und KGB andererseits.
Ich finde: Gorki Park lohnt die Lektüre.

In seinem neuesten Roman Tatjana ist Cruz Smith noch knapper, sarkastischer geworden. Von scharfer Aktualität ist der Plot: eine Journalistin, deren Aktivitäten an Anna Politkowskaja erinnern, „fällt“ aus dem Fenster; Gansterkönige bekriegen sich um die Nachfolge des verstorbenen Obermackers.. Tatjana ist auf Anhieb auf der KrimiZEIT-Bestenliste Dezember gelandet.


Martin Cruz Smith: Tatjana
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
C.Bertelsmann, 320 S., 14,99 €

 

Hannes Sprado: Kalt kommt der Tod

Habe ich 6 Stunden vertan oder verbracht?
Hannes Sprado hatte mich schon mal ziemlich geärgert. In seinem Krimidebüt Risse im Ruhm (2005) hatte der Herausgeber und Chefredakteur der PM-Zeitschriften mächtig genervt. Er strotzte vor Eitelkeit und Selbstüberhebung. Ein Hamburger Magazinjournalist rettet die Welt – das hatten schon bessere vergeblich versucht.
Ein paar Thriller später ist von dem Omnipotenz-Geblubber des Debüts kaum noch etwas übrig geblieben, nur noch ein Hauch von Allwissenheit zu Themen wie Waffentechnik, Oligarchenparfüme und U-Boote bringt den Lesefluss zum Stocken. Angenehm nüchtern reduziert Sprado in Kalt kommt der Tod alles, was Bedeutung annehmen könnte, aufs winzigste. Er hat einen schlichten, unprätentiösen Thriller geschrieben, den man gerne runterliest, wenn man nicht besseres zu tun hat. Das ist nicht wenig: Andreas Winkelmanns Deathbook habe ich schon nach wenigen Seiten weggelegt: Aufgeblasene Sprache, falsche Bilder, ein Ich-Erzähler, der sich als „zornigen Autor abgründiger Psychothriller“ gänzlich ironiefrei präsentiert – von derartigen selbstbezüglichen Eitelkeiten ist Sprado runter.
Nein, das Teil ist kühl wie Spitzbergen. Dorthin verschlägt es den Vietnamesen Phong Packer, der als Boat-People nach Bremen gelangt ist, dort von einer Reedersfamilie adoptiert wurde, zur Kripo ging, wegging, bevor er gefeuert wurde und sich jetzt als Privatdetektiv  durchschlägt. Nicht sehr realistisch, aber denkbar. In Spitzbergen soll er seine verschollene Adoptivschwester finden, wird schnell in handfeste Keilereien und üble Schießereien verwickelt, das alles bei heftigen Minusgraden. Keineswegs von Nachteil: Sprado scheint vor Ort gewesen zu sein. Mit Hilfe einiger anständiger Kerle und furchtloser Weiber überwindet Phong einen internationalen Konflikt, einen russischen Oligarchen und eine Putinsche Geheimdiensteinheit, der er auf dem Privatflughafen von DEADS den Garaus macht, wieder in heimischen Hamburger Gewässern.
Verbracht, nicht vertan – immerhin.

Hannes Sprado: Kalt kommt der Tod
Edition Temmen, 416 S., 14,90€

Zoe Beck: Brixton Hill

Der Kriminalroman lebt davon, dass in der Realität eine Anomalie auftritt: Das Rätsel. So der französische Soziologe Luc Boltanski in seinem lesenswerten Buch Rätsel und Komplotte: Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft.
Wie aber würde eine Anomalie aussehen in einer Realität, die wesentlich virtuell ist? Konkret: Was würde jemandem als Rätsel oder als Verstörung vorkommen, der hauptsächlich per Social Media kommuniziert und quasi in ihnen lebt?
Zoe Beck hat in Brixton Hill die denkbar brutalste Anomalie gefunden. Die Realität bricht herein. In diesem Fall: Eine Kollegin, mit der die Eventmanagerin Em gerade verhandelt, stürzt aus dem Fenster. Jemand hat die Klimatechnik eines Büroturms an der Themse manipuliert, Rauch quillt aus der Klimaanlage, die Fluchttüren sind versperrt, Kollegin Kimmy gerät in Panik und steigt aus dem Fenster. Ausgelöst wurde die Anomalie durch eine SMS.
Em ist ein early adopter , immer vonr dran mit den neuesten Accounts und Phones. Sie hat kein Büro, sondern ein Smartphone. Auch sozial ist sie ungebunden: Männer trifft sie an den freien Tagen, wenn kein Projekt anliegt. Keine weitere Verpflichtung.
Das Spannende an Becks Krimi sind die Prüfungen, die Em ertragen muss, ein weiblicher  Hiob der Facebook-Ära. Sie sieht ihren Zwillingsbruder sterben. Sie sieht sich als Opfer eines Stalkers, sie wird als Mörderin beschuldigt etc. Geprüft wird sie, vor allem aber ihre Wahrnehmung der Realität, ihr ganzes Koordinatensystem. Die vertrauten Kommunikationsplattformen Twitter, Facebook und Mail sind unterwandert, sie kann den gewohnten Kommunikationsmitteln und -wegen nicht mehr trauen – und Menschen, denen sie vertrauen könnte, kennt sie nicht. Oder die, die sie kennt, trauen ihr nicht.
Zoe Beck arrangiert Ems Suche nach denen und dem, was dahinter steckt, als langsamen Sturz die Treppe hinab. Von den Höhen virtueller Allmacht in die harte Realität. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass die Leichtigkeit und Vielfältigkeit der modernen Kommunikation die Illusion schürt, die Welt selbst sei leicht zu händeln. Dass dies keineswegs so ist, entdeckt Em, als sie in der eigenen Familie – wo sonst? – auf eine wahre Lady Macbeth stößt.
Wo sonst als in der Familie? Interessant, dass die Täter auch in der Fiktion dort herkommen, wo sie in der völlig anderen Realität der Kriminalstatistiken meist sind.
Beck ist nicht die erste Autorin, die Crime im Cyberspace spielen lässt. Doch bei ihr ist die virtuelle Realität nicht der Quell des Unheimlichen, in dem sich Wahnsinnige mit wahnsinnigen Ideen herumtreiben. Die Cyberwelt ist gewohntes, friedliches Umfeld, Zuhause.  Der Wahnsinn tobt dort, wo die Menschen sind: im Off.

Zoe Beck: Brixton Hill
Heyne, 384 S., 8,99 €