Max Annas: Illegal

Der Thriller über die Unmöglichkeit, als Schwarzer ohne Papiere in Berlin ein rechtschaffenes Leben zu führen

Mit Illegal  wechselt Max Annas, den man zurecht als Shooting Star der deutschsprachigen Kriminalliteratur bezeichnen kann (Je ein Deutscher Krimipreis für Die Farm – 2015 – und Die Mauer – 2017) den Schauplatz. Seit zehn Jahren lebt Kodjo Awusi, gebürtig aus Ghana, mit gekauftem togolesischem Pass in Berlin.
Auch er erlebt die Grundszene aus Cornell Woolrichs/Alfred Hitchcocks Fenster zum Hof: Er wird Zeuge, wie im Haus gegenüber eine Prostituierte von einem Freier in sadistischer Raserei ermordet wird. Doch seine Fessel ist kein Gipsbein. Kodjo ist Gefangener seiner Situation als illegaler Schwarzer, sein Fenster gehört zu einer Dachwohnung in einem Abrisshaus, in dem er vorübergehend untergeschlüpft ist. Beim tollpatschigen Versuch, der vielleicht nur schwer Verletzten zu Hilfe zu

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Patrick Mc Ginley: Bogmail

Die Kneipe, in die der Leviathan nicht reinkann

bogmailAls Bogmail 1978 erschien, war die lokale Presse nicht amüsiert. Zu pornograhisch, Nestbeschmutzung, befand damals der „Donegal Democrat“. Kein Wunder, wird darin doch ein Kollege des Donegal Dispatch als trinkfreudiger Kopist immer gleicher Nachrichten über Wetter und Haustiere karikiert. Und die an Roarty’s Kneipentresen entstandene winzige Opposition gegen den modernistisch-scheußlichen Kirchennaubau, den der Pfarrer zur Selbstbeweihräucherung errichten will, hält genau einer Drohung stand, bevor sie kapituliert. Erpressung und Drohung, Gerüchte und Verdächtigungen sind das Nährfutter der dörflichen Existenz von Glenkeel. Der kleine Ort an der irischen Nordwestküste, wohl identisch mit dem Glencolumbkille, in dem Patrick McGinley 1937 geboren wurde, befindet sich in jenem  Urzustand, den Thomas Hobbes als „Krieg aller gegen alle“ bezeichnet hat.
Mit dem Unterschied nur, dass der Krieg nicht offen ausgetragen, sondern jeden Abend mit einem Waffenstillstand unterbrochen wird, besiegelt an Roarty’s Tresen. Bei Hobbes wird der Frieden durch den Leviathan, den mächtigen absoluten Staat, garantiert. Nicht so in Glenkeel: Hier werden die Aggressionen gewaltfrei ausgetragen, im mal gelehrten, mal albernen, aber in jedem Fall einfalls- und wendungsreichen Gespräch.

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KrimiZeit-Bestenliste August -DIE NEUEN

Bereits zum dritten Mal auf Platz 1:

Havarie von Merle Kröger

Auf  Platz 2: Cutter und Bone von Newton Thornburg (original 1976: Cutter and Bone)

Newton Thornburg (1929 – 2011) war in den USA ein bekannter Autor, auch in deutscher Übersetzung sind zwei Romane von ihm in den achtziger Jahren erschienen, darunter auch Cutter and Bone als „Geh zur Hölle, Welt!“ Allerdings gab diese durchaus elegant gekürzte und handlungsorientierte Übersetzung von Isabella Drott nicht alle Zwischentöne wieder, die jetzt in Susanna Mendes erstmals vollständiger deutscher Version im Polar-Verlag enthalten sind.
Vietnamveteran Cutter und Ex-Marketing-Manager Bone gehören zu den Opfern des American way of life. Als Bone im sonnigen Santa Barbara, wo die beiden zusammen mit Cutters Freundin und Baby in einer Armuts-Symbiose leben, vermutlich Zeuge eines Mordes wird, ergreift Cutter die Gelegenheit, die reichen Kriegsgewinnler abzuzocken. Zwischen den beiden gegensätzlichen Kumpels und etlichen weiteren Beteiligten entsteht ein Kampf nicht um die moralisch beste, sondern um die opportunistischste Lösung ihrer Bedürfnisse – mit bitterem Ende.

„Bücher wie Cutter und Bone werden von Kritikern schnell als Loser-Balladen gelabelt. Doch dafür sind die Töne, die Thornburg anschlägt, zu schräg und schrill. Nicht melancholischer Abgesang ist dieser Roman, sondern ätzendes Wüten, nicht Protest, sondern Anklage. Thornburg zeigt die letzten Zuckungen seiner verlorenen Helden, ihr finales Aufbäumen. Am Ende bleiben nur Einsamkeit und Wahnsinn und Tod. Und das sardonische Lachen von Alex Cutter auf seinem Weg in die Hölle.“ (Marcus Müntefering, SPIEGEL online)
Cutter und Bone von Newton Thornburg ist einer der großen unbekannten amerikanischen Romane der Siebziger.“ (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung)

 

Auf Platz 3: Der namenlose Tag von Friedrich Ani

Mit dem Wechsel Suhrkamp hat Friedrich Ani (*1959, mehrfacher Deutscher Krimipreis) nach Tabor Süden und Polonius Fischer einen neuen Ermittler erfunden. Jakob Franck ist pensionierter Kommissar, ehemals Mordkommission. In den letzten Dienstjahren ergab es sich, dass immer er ausgewählt wurde, um den Angehörigen die Todesnachrichten zu überbringen. Jetzt sitzen die Toten bei ihm am Tisch.


Als Franck vom überlebenden Vater einer Familie, in der sich Mutter und Tochter umgebracht haben, gebeten wird, nachträglich einen Schudigen zu finden, erschließt er die Geschichte eines ungeheuren Verschweigens in dieser Familie. Schweigen als Verbrechen, Verbrechen als verhinderte Kommunikation darzustellen, war schon immer ein Thema Friedrich Anis. Doch mit Der namenlose Tag erreicht Ani eine neue Intensität.

Auf Platz 9: Zurück auf Start von Petros Markaris
(original 2012: Τίτλοι τέλους. Ο επίλογος, sinngemäß: Abspann)

Drei Romane wollte Petros Markaris (*1937 in Istanbul) über die nicht nur ökonomische Krise in Griechenland schreiben, die Verhältnisse haben ihn gezwungen, nach einem 2015 immer noch aktuellen Buch mit Artikeln zur Krise (Finstere Zeiten, 2012) einen weiteren Kriminalroman zu schreiben, in dem anonyme Rächer mit sprechenden Namen das tun, was Politik und Staat versäumt haben: Aufräumen. In Zurück auf Start trifft es zunächst einen deutsch-griechischen Windenergie-Unternehmer, dann einen erkennbar korrupten Nachhilfe-Unternehmer, der von den eklatanten Schwächen des Schulsystems profitiert. Und Katharina, Kommissar Charitos‘ Tochter, die von den Faschisten der Goldenen Morgenröte zusammengeschlagen wird. Die Bürgerkriegsgefahr, vor der Markaris seit Jahren warnt, scheint näher gerückt.
Allerbeste Aufklärung.

Auf Platz 10: Die Möglichkeit eines Verbrechens von Dror Mishani (original 2013: Efsharut shel alimut, wörtlich: Die Möglichkeit von Gewalt)

In seinem zweiten Kriminalroman mit Avi Avraham verfolgt der israelische Autor und Lektor im Verlag Keter Dror Mishani (*1975) die in Vermisst von 2013 eingeschlagene Linie schnörkelloser weiter: Avraham steht in der Tradition der Detektive, die Verbrechen ahnen oder erkennen, wo schlichtere Gemüter schlicht nichts sehen. Noch unter dem Eindruck des letzten Falles, indem es ihm weder gelang, das Leben noch den Leichnam eines Jungen zu retten, traut er dem Braten einer Bombenattrappe vor einem Kindergarten erst recht nicht. Avraham ermittelt auf eigene Faust gegen einen unscheinbaren älteren Vater zweier kleiner Jungen und entdeckt dabei Abgründe, die Ähnlichkeiten mit denen der Ermittler Friedrich Anis haben. Auch Mishani ist ein Autor, der mit seinen Kriminalromanen unter der Maske der Rationalität Schmerz und Einsamkeit aufdeckt.

Mishani ist in seinem zweiten Roman bei sich selbst: keine metaliterarischen Mätzchen mehr. Stattdessen genaue Seelenarbeit: Leise, feine Spurensicherungen an inneren Abgründen. In denen jeder stecken kann ohne es zu wissen.“ (Tobias Gohlis)

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