Sarah Schmidt: „Seht, was ich getan habe“

Können Frauen töten? Gift galt als traditionelle Waffe des sogenannten schwachen Geschlechts, aber Mord mit der Axt? Und dann gleich ein Doppelmord? Fragen dieser Art machten 1892 die Morde an dem reichen Unternehmer Andrew Borden und seiner zweiten Frau Abby zu einem Aufreger, weit über die Grenzen der kleinen Industriestad River Falls in Massachusetts hinaus.

Die Leichen von Andrew und Abby Borden wurden am Morgen des 4. August 1892 in ihrem Haus aufgefunden. Der Mörder oder die Mörderin hatte sie mit Axthieben auf Kopf und Rücken getötet. Nach raschen Ermittlungen wurde die jüngere Tochter Andrew Bordens, die damals 32-jährige Lizzie, angeklagt – und freigesprochen. Seitdem ist die junge, durch den Mord an Vater und Stiefmutter steinreich gewordene Lizzie ein fester Bestandteil der amerikanischen Mythologie und Folklore. Lizzie trat bei den Simpsons auf, eine Oper, etliche Krimis und Filme verarbeiteten den ruchlosen, ungeklärten Mord. Zuletzt mordete sie sich 2017 in einer RTL-Serie durch River Falls.

Wer sich literarisch dieses in allen Richtungen durchgekauten Falls annimmt, muss gute Gründe und ein gutes Händchen haben. Das ist der jungen Australierin Sarah Schmidt in ihrem Debüt „Seht, was ich getan habe“ offensichtlich gelungen.

Mit der Unbefangenheit des Neulings, der auf der anderen Seite der Welt groß geworden ist, stürzt sie sich ins Getümmel. Sie geht ganz nah dran. In vier Stimmen – alle in der Ich-Perspektive – erzählt sie mit Vor- und Rückblenden die Ereignisse zweier Tage im August.

Am 3. August braut sich unter drückender Hitze das Unheil zusammen. Patriarch Andrew, ein pingeliger, puritanischer Diktator, schlachtet Lizzies Tauben ab, die die einsame, unverheiratete Tochter als Lieblingshaustiere im Hinterhof des großen kalten Hauses zieht. Und Abby, ihre ungeliebte Stiefmutter, nimmt dem aus Irland importierten Dienstmädchen Bridget ihre mühselig vom kargen Lohn abgeknapsten Dollars ab, die sie für die Rückreise in die Heimat gespart hat.

Denn die äußeren Bedingungen puritanischen neuenglischen Terrors – der Patriarch, die rigide Sparsamkeit bei gleichzeitigem Reichtum, Religion als einziger tolerierter gesellschaftlicher Umgang, unterdrückte Sexualität – unterfüttert Schmidt mit einer ekelerregenden Atmosphäre der Enge und des Verfalls. Dem puritanischen Selbstbild sparsamer, arbeitsamer, frommer Zivilisiertheit stellt sie die wahre Welt gebenüber. Und die ist animalisch.

Unerträglich ist der Schweißgestank, besonders die heißblütige Lizzie kocht geradezu in der Sommerhitze. Die aus Sparsamkeit immer wieder aufgewärmte Hammelbrühe führt zum Erbrechen – überall, im Haus, im Garten klebt die Kotze der Protagonisten. Fressen, Verschlingen, Erbrechen sind die Haupttätigkeiten der Bordens, garniert mit den Träumen von einem Leben irgendwo anderswo, das erst möglich sein wird nach dem Tod des Patriarchen und seines fetten Weibes. Schmidt bringt die uralte Idee vom Miasma, aus dem das Böse hervorbrechen soll, zu neuer bedrängender Erfahrung. Die Debütantin verfügt noch nicht über alle Register, daher trägt sie manchmal zu dick auf. Aber sie hat Power!

River Falls hat zu Lizzie Borden ein virtuelles Museum eingerichtet, das den echten Freaks erlaubt, ihre Nase überall reinzustecken.

Sarah Schmidt: Seht was ich getan habe
Aus dem Englischen von pociao
Pendo, 384 S., 20 €

Dieser Text ist zu erst am 29.3.18 bei Deutschlandfunk Kultur veröffentlicht worden.

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