Schlagwort-Archive: Deutscher Krimi

Ulf Torreck: Fest der Finsternis

Fest der Finsternis von Ulf Torreck

 

Das ideale Buch für eine Grippe: vier Tage Abtauchen in die Welt des Ersten Kaiserreichs. Mit leichtem Fieber.

1805 in Paris. Es stinkt bestialisch. In der Seine wird der Torso einer Sechzehnjährigen gefunden, in deren Vagina ein merkwürdiges Kreuz. Kurz vor ihrem Tod hat sie entbunden. Kommissar Marais (=“ der Sumpf“) ist von Polizeiminister Fouché aus Brest zurückgeholt worden; er glaubt, Gott habe ihn beauftragt, Großes zu tun. Da Marais nicht weiterkommt, sucht er bei dem Mann Unterstützung, der sich mit außergewöhnlichem Sex, verborgenen Umtrieben und Blasphemie auskennt: Marquis de Sade.

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Rächerin Eichel

Rache süßer Atem klKlappentexte offenbaren, wes Geistes Kind die Marketingstrategien sind, mit denen Krimiknete gemacht werden soll.

Bei Rütten&Loening ist der „Krimi der Saison“ angekündigt, in dem die „renommierte Journalistin“ Christine Eichel auf Frauenemanzipation durch rohe Gewalt macht. Sie weckt Träume primitiver Rachefantasien:

Abgründig, weiblich – tödlich
Zu lange hat Maria gelitten, hat Untreue, Verrat und andere Liebesverbrechen über sich ergehen lassen. Als auch Tom sie betrügt, ihre letzte Hoffnung auf ein Leben mit Mann und Kind, bricht Maria aus der Opferrolle aus. Schluss mit der Demut! Erbittert rechnet sie ab und vertauscht die Waffen einer Frau mit echten Waffen. Sieben Kandidaten stehen auf ihrer Todesliste. Doch bald schon folgt Hauptkommissar Tesoro ihrer blutigen Spur – elegant, verführerisch und gerissen. Der einmalig spannende Rachefeldzug einer Frau, die sich nichts mehr gefallen lässt.

Schlussfolgerung: Echte Waffen sind Waffen der Männer.

„Blinde Kommissare“ – auf die Details kommt es an

Jenny Aaron ist nicht die erste, aber einzigartig

Andreas Pflüger hat mit ENDGÜLTIG einen perfekten Thriller geschrieben.
Meine Rezension dazu steht in der ZEIT vom 3.3.16.
Pflügers Heldin – und zwar in allen Bedeutungsfacetten – ist Jenny Aaron, ehemals Top-Agentin einer ultrageheimen „Abteilung“, erblindet, jetzt Ermittlerin im BKA. Jenny wechselt abrupt aus der Rolle der Beraterin und Analytikerin in die der Einzelkämpferin, als sie klarkriegt, dass der Fall, den sie untersucht, eine Falle ist, die ihr gestellt wurde – von ihrem Lebens-Widersacher.

In ihrer leicht irritierten, aber letztlich zustimmenden Rezension behauptet Sandra Kegel (FAZ vom 29.2.16), die Idee einer blinden Kommissarin sei völiig neu: „Selbst im Fernsehen, wo man auf kaum eine Profilvariante bei Kommissaren verzichtet, ist die Idee einer blinden Kommissarin bisher über den Versuch nie hinausgekommen.“
Abgesehen davon, dass der Titel „Kommissarin“ Jennys Aktivitäten ungefähr so scharf beschreibt wie James Bonds Dienstgrad „Commander“ seine Aktionen als 007, stimmt auch die Grundthese nicht.
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Christoph Peters: Der Arm des Kraken

Krimimobile aus japanischen und bundesrepublikanischen Versatzstück-Elementen

Japonismus. Faszination durch japanischen Kult und japanische Kultur.
Im anglophonen Kriminalroman häufiger verbreitet: z.b. Trevanian, Barry Eisler , von David Peace ganz zu schweigen. Im deutschsprachigen seit neuestem: Der Arm des Kraken.
Darin fliegt Christoph Peters ins Berlin von 2013 einen Yakuza-Killer ein.
Fumio Onishi operiert seit 10 Jahren international als Manager, Problemlöser und Mörder im Auftrag seiner Firma. Jetzt fürchtet er, mindestens ein Fingerglied opfern zu müssen, wenn er nach Tokio zum Oyabun Takeda zurückkehrt. Der Boss der Nekodoshi-Gumi greift schon zu drastischen Maßnahmen, verzeiht nicht einmal, wenn „die Abstände des Bechers zu Reiskuchenteller und heißem Tuch“ nicht „hundertprozentig präzise“ eingehalten werden. Dann fegt er den Becher mit einer blitzschnellen Bewegung vom Tablett,  so dass der unvollkommene Diener den heißen Tee auf die Füße bekommt, ohne dass der Becher Schaden nimmt.
In Berlin ist der örtliche Repräsentant ermordet worden. Fumio muss aufräumen.
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KrimiZeit-Bestenliste August -DIE NEUEN

Bereits zum dritten Mal auf Platz 1:

Havarie von Merle Kröger

Auf  Platz 2: Cutter und Bone von Newton Thornburg (original 1976: Cutter and Bone)

Newton Thornburg (1929 – 2011) war in den USA ein bekannter Autor, auch in deutscher Übersetzung sind zwei Romane von ihm in den achtziger Jahren erschienen, darunter auch Cutter and Bone als „Geh zur Hölle, Welt!“ Allerdings gab diese durchaus elegant gekürzte und handlungsorientierte Übersetzung von Isabella Drott nicht alle Zwischentöne wieder, die jetzt in Susanna Mendes erstmals vollständiger deutscher Version im Polar-Verlag enthalten sind.
Vietnamveteran Cutter und Ex-Marketing-Manager Bone gehören zu den Opfern des American way of life. Als Bone im sonnigen Santa Barbara, wo die beiden zusammen mit Cutters Freundin und Baby in einer Armuts-Symbiose leben, vermutlich Zeuge eines Mordes wird, ergreift Cutter die Gelegenheit, die reichen Kriegsgewinnler abzuzocken. Zwischen den beiden gegensätzlichen Kumpels und etlichen weiteren Beteiligten entsteht ein Kampf nicht um die moralisch beste, sondern um die opportunistischste Lösung ihrer Bedürfnisse – mit bitterem Ende.

„Bücher wie Cutter und Bone werden von Kritikern schnell als Loser-Balladen gelabelt. Doch dafür sind die Töne, die Thornburg anschlägt, zu schräg und schrill. Nicht melancholischer Abgesang ist dieser Roman, sondern ätzendes Wüten, nicht Protest, sondern Anklage. Thornburg zeigt die letzten Zuckungen seiner verlorenen Helden, ihr finales Aufbäumen. Am Ende bleiben nur Einsamkeit und Wahnsinn und Tod. Und das sardonische Lachen von Alex Cutter auf seinem Weg in die Hölle.“ (Marcus Müntefering, SPIEGEL online)
Cutter und Bone von Newton Thornburg ist einer der großen unbekannten amerikanischen Romane der Siebziger.“ (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung)

 

Auf Platz 3: Der namenlose Tag von Friedrich Ani

Mit dem Wechsel Suhrkamp hat Friedrich Ani (*1959, mehrfacher Deutscher Krimipreis) nach Tabor Süden und Polonius Fischer einen neuen Ermittler erfunden. Jakob Franck ist pensionierter Kommissar, ehemals Mordkommission. In den letzten Dienstjahren ergab es sich, dass immer er ausgewählt wurde, um den Angehörigen die Todesnachrichten zu überbringen. Jetzt sitzen die Toten bei ihm am Tisch.


Als Franck vom überlebenden Vater einer Familie, in der sich Mutter und Tochter umgebracht haben, gebeten wird, nachträglich einen Schudigen zu finden, erschließt er die Geschichte eines ungeheuren Verschweigens in dieser Familie. Schweigen als Verbrechen, Verbrechen als verhinderte Kommunikation darzustellen, war schon immer ein Thema Friedrich Anis. Doch mit Der namenlose Tag erreicht Ani eine neue Intensität.

Auf Platz 9: Zurück auf Start von Petros Markaris
(original 2012: Τίτλοι τέλους. Ο επίλογος, sinngemäß: Abspann)

Drei Romane wollte Petros Markaris (*1937 in Istanbul) über die nicht nur ökonomische Krise in Griechenland schreiben, die Verhältnisse haben ihn gezwungen, nach einem 2015 immer noch aktuellen Buch mit Artikeln zur Krise (Finstere Zeiten, 2012) einen weiteren Kriminalroman zu schreiben, in dem anonyme Rächer mit sprechenden Namen das tun, was Politik und Staat versäumt haben: Aufräumen. In Zurück auf Start trifft es zunächst einen deutsch-griechischen Windenergie-Unternehmer, dann einen erkennbar korrupten Nachhilfe-Unternehmer, der von den eklatanten Schwächen des Schulsystems profitiert. Und Katharina, Kommissar Charitos‘ Tochter, die von den Faschisten der Goldenen Morgenröte zusammengeschlagen wird. Die Bürgerkriegsgefahr, vor der Markaris seit Jahren warnt, scheint näher gerückt.
Allerbeste Aufklärung.

Auf Platz 10: Die Möglichkeit eines Verbrechens von Dror Mishani (original 2013: Efsharut shel alimut, wörtlich: Die Möglichkeit von Gewalt)

In seinem zweiten Kriminalroman mit Avi Avraham verfolgt der israelische Autor und Lektor im Verlag Keter Dror Mishani (*1975) die in Vermisst von 2013 eingeschlagene Linie schnörkelloser weiter: Avraham steht in der Tradition der Detektive, die Verbrechen ahnen oder erkennen, wo schlichtere Gemüter schlicht nichts sehen. Noch unter dem Eindruck des letzten Falles, indem es ihm weder gelang, das Leben noch den Leichnam eines Jungen zu retten, traut er dem Braten einer Bombenattrappe vor einem Kindergarten erst recht nicht. Avraham ermittelt auf eigene Faust gegen einen unscheinbaren älteren Vater zweier kleiner Jungen und entdeckt dabei Abgründe, die Ähnlichkeiten mit denen der Ermittler Friedrich Anis haben. Auch Mishani ist ein Autor, der mit seinen Kriminalromanen unter der Maske der Rationalität Schmerz und Einsamkeit aufdeckt.

Mishani ist in seinem zweiten Roman bei sich selbst: keine metaliterarischen Mätzchen mehr. Stattdessen genaue Seelenarbeit: Leise, feine Spurensicherungen an inneren Abgründen. In denen jeder stecken kann ohne es zu wissen.“ (Tobias Gohlis)

Abzurufen ist die ganze KrimiZEIT-Bestenliste August hier

Martin Burckhardt: Score

Digital vermittelte Sozialkontakte als Weltwährung

Als Anne Sophie von Markus Lanz gefragt wurde, wie sie die Null-Punkte-Klatsche beim ESC verschmerzt, antwortete sie nicht ohne Ironie: „Einen Tag später hatte ich 25.000 neue Follower.“
Was wäre, wenn diese Follower der Sängerin auf ein Konto gutgeschriben würden, mit dem sie ihre Miete, Make-up und Brötchen bezahlen könnte? Schon werten sich Loser durch Likes auf, Stars vermehren ihren kommerziellen Wert in den social media.

Martin Burckhardt denkt in seinem dystopischen Thriller SCORE eine Zeitschraube weiter. 2023 sind nach einer Reihe von Weltfinanzcrashs, nach Bürgerkriegen und Flüchtlingsströmen die Likes und Dislikes im reichen Teil der Welt verbindliche Währung. Ein freundliches Lächeln, und du bist im Plus, einmal Hamburger gegessen: dickes Minus. ECO (für Enriched Cybernetic Organism) nennt sich dieser aus Euro-Europa, Japan und noch ein paar anderen Reichen bestehende beste aller Staaten. In dieser Sphäre herrscht eitel Freude und Sonnenschein. Die Personalcomputer sind so klein, dass sie auf der Haut oder ale Brille getragen werden, Mensch und digitaler Avatar sind beinahe eins. Da die Wissenschaft nur noch der Welt- und Menschenverbesserung dient,  sind Energie- und Ernährungsprobleme durch neue Technologie gelöst. Niemand muss mehr arbeiten, aber wer will, darf  …spielen, Rettungssanitäter zum Beispiel. Und dafür seinen Score verbessern.

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Alfred Bodenheimer: Kains Opfer

Der israelische Lektor und Autor Dror Mishani behauptet, es könne keine israelischen Kriminalromane geben. Das ist – Batya Gur, Shulamit Lapid, er selbst und etliche andere Autoren belegen das Gegenteil – blühender Unsinn. Trotzdem fiel mir seine Begründung wieder ein, als ich jetzt einen anderen, nicht israelischen, aber im jüdischen Milieu spielenden Roman las.
Alfred Bodenheimer, Ordinarius für Jüdische Studien an der Universität Basel, wollte einmal ein Buch schreiben, das von vielen Menschen gelesen wird, nicht nur von wenigen spezialisierten Wissenschaftlern. Da lag der Krimi auf der Hand.
In seinem Debüt Kains Opfer versetzt Bodenheimer seine Leser nach Zürich, wo Rabbi Gabriel Klein seit einigen Jahren und noch immer erstaunlich offen tastend die Einheitsgemeinde leitet, in unaufgeregter Konkurrenz zu den orthodoxeren Kollegen der anderen Gemeinden.

Wie immer im Krimi stört ein Tod die Routine.
Mitten in Kleins behagliches Grübeln über die anstehende Schabbath-Predigt dringt die Nachricht, der allseits beliebte, fromme Lehrer Nachum Berger sei tot aufgefunden worden. Der Rabbi denkt übereifrig: „ermordet“. Nein, dimmt ihn die sehr solide Kommissarin Bänziger runter, eventuell war es auch nur ein Herzinfarkt, allerdings in Folge von Prügeln. Da die offizielle Übersetzerin der Polizei krank ist, springt der Rabbi hilfsbereit ein, um die auf Hebräisch verfassten Mails des Opfers zu übersetzen. Und wird unfreiwillig zum Komplizen der staatlichen Ermittlungen: Dass der einsam lebende Vorbildpädagoge Berger ein Verhältnis mit einer verheirateten und zudem in der Gemeinde angesehenen Frau hatte und der eifersüchtige Gatte damit ein Motiv, teilt Klein, Diener zweier Herren, der Kommissarin und so der schweizerischen Staatsmacht  mit. Dufte er das?
Fast alle anschließenden Handlungen des Rabbiners sind von dem Wunsch diktiert, diesen Geheimnisverrat ungeschehen zu machen. Und so folgen wir seinen mehr oder minder erfolgreichen Bemühungen, durch eigene Detektivarbeit  Frieden in der Gemeinde und in einer Familie zu stiften, die von den harschen jüdischen Scheidungsgesetzen zerstört worden ist.
Das liest sich alles ganz anschaulich, ist angenehm dargestellt und für den Außenstehenden ein wenig exotisch. Bodenheimer erklärt die dem nicht-jüdischen Leser unvertrauten Vorschriften und Rituale nur knapp, ein Glossar unterstützt das Sachverständnis. Doch dieser detailierte Einblick in die merkwürdigen Gesetzlichkeiten jüdischen Lebens erfreut, wie ich bei der deutschen Buchpremiere in Hamburg im Jüdischen Salon mitbekam,  eher doch nur diejenigen, die sich sowieso für jede Erwähnung jüdischen Brauchtums und jüdischer Kultur begeistern.

Rabbi Kleins verzweifeltes und peinlich übergriffiges Bemühen, selbst den Fall zu lösen, um Schlimmeres von den Betroffenen und der Gemeinde abzuwenden, scheitert fürchterlich. Das ist die gute und bestürzende Seite des Romans, die gewiss in der Rabbinerausbildung ihren Platz unter dem Stichwort Vermeidung von Selbstüberschätzung finden wird. Ich habe vieles mit gespanntem Interesse verfolgt, zumal der Autor ein Händchen für die ironisch gefärbte Schilderung von Genreszenen hat. Aber für einen guten Kriminalroman reicht das nicht. Wie viele Amateure unterliegt auch Professor Bodenheimer der irrigen Vorstellung, es reiche erst einmal aus, einen verstörenden Leichenfund in Szene zu setzen, um den Krimi ins Laufen zu bringen.
Nix da. Der Tod ist kein Skandalon mehr. Erst die Literatur muss ihn wieder dazu machen, sonst: Langeweile. Was dem Rabbiner abgeht, sind Zorn, Wut, Empörung, Auflehnung. Der Tod gehört zu seinem Rabbinergeschäft, und wenn daran etwas Irreguläres gewesen sein sollte, dann kümmert er sich auch darum. Der Rabbiner will es allen recht machen, dem Staat, der Gemeinde, der zerstrittenen und gekränkten Familie des Verstorbenen und auch seiner robusten und für etliche komische Szenen gute Frau Rivka. Das ist verständlich. Aber die Sorgen eines Gemeindepfarrers bleiben die Sorgen eines Gemeindepfarrers. Rabbi Klein hat Theologensorgen, Beamtensorgen, Politikersorgen. Die machen aus ihm noch keinen Detektiv, sondern eher einen Detektivdarsteller. Wirklich folgen können ihm nur die Leser, die von Herzen seine Sorgen um den Frieden in der Gemeinde teilen. Leider gelingt es Bodenheimer  nicht, aus dem Konflikt des Rabbis mit den diversen Gesetzlichkeiten tatsächlich Spannung zu schlagen.
Bodenheimer beschränkt sich und uns auf die doch beschränkte Rabbiner-Perspektive. Leider bleibt daher Nachum Bergers Tod ein Tod unter vielen und sein Fall – trotz einer exotischen Business-Class-Reise nach Jerusalem – ein Alltagstod. Im Februar 2015 soll ein zweiter Fall mit Rabbi Gabriel Klein erscheinen. Mal sehen, ob das ein richtiger Kriminalroman wird.

Alfred Bodenheimer: Kains Opfer
Nagel & Kimche, 224 S.,
18,90 €

 

Seminar „Kriminalromane“

Wer hätte das gedacht?
Mitten in die Überlegungen zu KRIMIS MACHEN 2 kommt aus München die Anfrage, ob ich jemanden kenne, der.. usw.
„Warum nicht ich?“
Jetzt steht es fest und kann gebucht werden: Gemeinsam mit Zoe Beck werde ich ein dreiteiliges Seminar für angehende Kriminalschriftsteller leiten, das die Bayerische Akademie des Schreibens für 2014/15 plant.
Angehende Kriminalschriftseller? Na, solche, die was oder sogar uns angehen.

Bewerbungen bis 12.9.14!

 

 

 

Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht

Es sieht so aus, als hätte der deutschsprachige Kriminalroman in diesem Frühjahr einen guten Lauf.
Mit Oliver Bottini etwa: In seinem siebten Roman begibt er sich noch weiter als bisher auf das Terrain des internationalen Politthrillers. Ein paar Tage Licht erreicht in seiner Vielschichtigkeit und Verzwicktheit der Intrige die Komplexität vergleichbarer Romane aus jüngster Zeit, etwa von Robert Wilson oder Michael Robotham.
In Algerien suchen und verfolgen einerseits Militär und Geheimdienst, andererseits der ins Ausland abgeordnete BKA-Beamte Ralf Eley die Spuren des entführten deutschen Rüstungsingenieurs Peter Richter und seiner Entführer. Diese geben sich als Islamisten aus, gehören jedoch einer geheimen, eher an westlich-demokratischen Werten orientierten Widerstandsbewegung an.
Parallel zu diesem, durch internationale Liebes- und Loyalitätsverwicklungen weiter aufgeladenen Handlungsstrang zerren in Deutschland entgegengesetzte politische und wirtschaftliche Kräfte an neuen Rüstungsdeals mit dem arabischen Land, das als Bollwerk gegen islamistische „Fehl“-Entwicklungen der Arabellion strategische Bedeutung hat. Bottini gelingt es, komplizierte politische, kulturelle und kriminelle Aktivitäten spannend und intellektuell anregend zu erzählen. Kein Wunder, dass er sofort von Null auf Platz 2 der KrimiZEIT-Bestenliste im April gerutscht ist.

Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht
Dumont, 512 S., 19,99 €

Hannes Sprado: Kalt kommt der Tod

Habe ich 6 Stunden vertan oder verbracht?
Hannes Sprado hatte mich schon mal ziemlich geärgert. In seinem Krimidebüt Risse im Ruhm (2005) hatte der Herausgeber und Chefredakteur der PM-Zeitschriften mächtig genervt. Er strotzte vor Eitelkeit und Selbstüberhebung. Ein Hamburger Magazinjournalist rettet die Welt – das hatten schon bessere vergeblich versucht.
Ein paar Thriller später ist von dem Omnipotenz-Geblubber des Debüts kaum noch etwas übrig geblieben, nur noch ein Hauch von Allwissenheit zu Themen wie Waffentechnik, Oligarchenparfüme und U-Boote bringt den Lesefluss zum Stocken. Angenehm nüchtern reduziert Sprado in Kalt kommt der Tod alles, was Bedeutung annehmen könnte, aufs winzigste. Er hat einen schlichten, unprätentiösen Thriller geschrieben, den man gerne runterliest, wenn man nicht besseres zu tun hat. Das ist nicht wenig: Andreas Winkelmanns Deathbook habe ich schon nach wenigen Seiten weggelegt: Aufgeblasene Sprache, falsche Bilder, ein Ich-Erzähler, der sich als „zornigen Autor abgründiger Psychothriller“ gänzlich ironiefrei präsentiert – von derartigen selbstbezüglichen Eitelkeiten ist Sprado runter.
Nein, das Teil ist kühl wie Spitzbergen. Dorthin verschlägt es den Vietnamesen Phong Packer, der als Boat-People nach Bremen gelangt ist, dort von einer Reedersfamilie adoptiert wurde, zur Kripo ging, wegging, bevor er gefeuert wurde und sich jetzt als Privatdetektiv  durchschlägt. Nicht sehr realistisch, aber denkbar. In Spitzbergen soll er seine verschollene Adoptivschwester finden, wird schnell in handfeste Keilereien und üble Schießereien verwickelt, das alles bei heftigen Minusgraden. Keineswegs von Nachteil: Sprado scheint vor Ort gewesen zu sein. Mit Hilfe einiger anständiger Kerle und furchtloser Weiber überwindet Phong einen internationalen Konflikt, einen russischen Oligarchen und eine Putinsche Geheimdiensteinheit, der er auf dem Privatflughafen von DEADS den Garaus macht, wieder in heimischen Hamburger Gewässern.
Verbracht, nicht vertan – immerhin.

Hannes Sprado: Kalt kommt der Tod
Edition Temmen, 416 S., 14,90€