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Marcie Rendon: Am Roten Fluss – Interview

Am Roten Fluss ist ein großartiger Kriminalroman mit einer Heldin, die meines Wissens einzigartig in der Kriminalliteratur ist: eine junge indianische Frau. Und die Autorin Marcie Rendon ist eine Native American. Am Roten Fluss ist ihr erster Roman. Heldin ist die 19jährige Cash, der es gelungen ist, mit Hilfe von Sheriff Wheaton ein selbständiges Leben als Landarbeiterin zu führen, nachdem sie von ihrer Mutter getrennt und in die Pflegschaft weißer Farmerfamilien gegeben wurde. Dieses Pflegschaftssystem ist das „wahre Verbrechen“, von dem der Roman handelt, obwohl es auch zwei Morde gibt, zu deren Aufklärung Cashs spezielle Fähigkeiten und local knowledgede gebraucht werden. Das Interview über diese Hintergründe haben wir per Mail geführt.

Dear Marcie,
Am Roten Fluss scheint auf persönlichen und kollektiven Erfahrungen zu beruhen. Wie viel von dem, was die 19-jährige Cash erlebt, ist autobiographisch? Sowohl Cash als auch Sie haben beispielsweise 1971 begonnen, an der Moorhead State University in Minnesota zu studieren.

Am Roten Fluss ist Fiktion, aber wie die meisten anderen Autoren habe ich auf etwas zurückgegriffen, was ich kenne. Die Geschichte einer Jugendlichen, die unter Pflegschaft aufwuchs, ist nur allzu häufig geschehen und bei fast allen ähnlich verlaufen.

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Martin Cruz Smith: Gorki Park/Tatjana

Es war der erste Kriminalroman, der in der Sowjetunion spielte, verfasst von einem amerikanischen Autor: Gorki Park. Inzwischen versuchen allerhand schlechtere Nachfolger, Martin Cruz Smith zu imitieren. 1972 hatte er gerade einmal sechs Tage Zeit, als Pauschaltourist Moskau kennen zu lernen. Diese Eindrücke, seine Erfahrung als Underdog (doppelt: seine Eltern waren Wandermusiker, seine Mutter Tochter eines Yaqui-Indianers und einer Frau mit spanischen und pueblo-indianischenWurzeln) und sein in zig Heftchenromanen scharf geschliffenes Talent reichten aus, mit Arkadi Renko einen unsterblichen Ermittler und ein in Grautönen fluoreszierendes Bild Moskaus unter Breschnew zu schaffen.
Ich hatte 2010 die Gelegenheit, ihn in Kalifornien zu besuchen. Das war die Grundlage für das Nachwort, das ich jetzt zur Neuauflage von Gorki Park beisteuern durfte.
Natürlich hat manches darin ein wenig Patina angesetzt. Und jüngeren LeserInnen mag es wie Nicole gehen: Es macht schon einen Unterschied für die Lektüre, ob man die UdSSR noch als real existierenden Staat gekannt hat oder heute als geschichtliches Phänomen betrachtet. Mich hat bei der Wieder-Lektüre vor allem die weitsichtige, im Film weitgehend ausgesparte Verwicklung der Intrige mit den Machenschaften beider Geheimdienste erstaunt. Der Showdown zwischen Renko und dem Pelzhändler Osborne findet nämlich in New York statt, assistiert von CIA/FBI einerseits und KGB andererseits.
Ich finde: Gorki Park lohnt die Lektüre.

In seinem neuesten Roman Tatjana ist Cruz Smith noch knapper, sarkastischer geworden. Von scharfer Aktualität ist der Plot: eine Journalistin, deren Aktivitäten an Anna Politkowskaja erinnern, „fällt“ aus dem Fenster; Gansterkönige bekriegen sich um die Nachfolge des verstorbenen Obermackers.. Tatjana ist auf Anhieb auf der KrimiZEIT-Bestenliste Dezember gelandet.


Martin Cruz Smith: Tatjana
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
C.Bertelsmann, 320 S., 14,99 €