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Lee Child: Die Gejagten

Drei Reachers sind zuviel

(c) btb

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Von Freunden, die Fußballfans sind, weiß ich, dass zum Fan-Schicksal irgendwann auch eine große Enttäuschung gehört. Der Verein ist abgestiegen oder der Star hat ihn verraten oder so was.
Was macht man aber als Autoren-Fan, wenn der Verehrte schwächelt?
Ich tröste mich erst einmal noch mit dem Gedanken, dass Lee Child einfach ein Formtief hat. Allerdings dauert das schon recht lange.
Es hat mit der Frauenfrage zu tun, genauer damit, dass der bisher nur en passant gebundene Reacher sich seit mehreren Bänden (ich meine die deutschen Ausgaben) auf einem romantischen Trip befindet.
Ihm hat es in 61 Stunden – damals im kalten South Dakota – die Stimme von Susan Turner angetan. Sie sitzt dort, wo er zuletzt als Major diente, auf dem Kommandeurssessel des 110. Special Unit der MP in Rock Creek bei Washington, D.C. Sie hat einen so starken Eindruck auf Reacher gemacht, dass er jetzt, in Die Gejagten, dort eintrudelt, um sie zum Essen einzuladen.
Nur ist sie nicht da. Sondern im Knast.

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Rowlings Kuckucksei

Der Plan ist nicht aufgegangen. Joanne K. Rowling wollte unter dem Pseudonym Robert Galbraith ganz neu und unerkannt anfangen, mit einem Krimi. Wie nicht anders denkbar, wurde sie verraten. Von einem Anwalt ihres Vertrauens. Er steckte der Presse die wahre Identität des pensionierten Soldaten „Galbraith“, der – so war es geplant – wegen seiner militärischen Vergangenheit keine Interviews geben und Fotos zulassen konnte.
Das passt: Der Ruf des Kuckucks erzählt von der schönen Lula Landry, die von einer Familie geldbesessener Anwälte adoptiert wurde. Kaum hat sie sich dank ihrer Schönheit als Supermodel sozial und finanziell von dieser Herkunft emanzipiert, wird sie vom Balkon ihres Penthauses gestürzt.

Natürlich ist es Mord, und natürlich bucht die Polizei den Sturz der Schönen als Selbstmord ab. Das ist die Geschäftsbedingung, unter der Rowling einen Privatdetektiv ins Spiel bringen kann. Es muss etwas aufgeklärt werden, dass der Polizei nicht zugänglich ist.  Das ist die Liebe.
Lulas ebenfalls adoptierter Bruder John Bristow liebt die Verstorbene so sehr, dass er die Selbstmordthese nicht akzeptieren kann und Privatdetektiv Cormoran Strike beauftragt, den Fall vom Balkon noch einmal zu untersuchen. Rowling beschreibt Bristow ambivalent als gut angezogen, aber nicht attraktiv: teigiger Teint, dicke Brillengläser, hasenartige Mimik. Sympathisch wird er durch seine Zuneigung zur kleinen toten Schwester. Er ist der einzige, der ihren Tod bedauert. Die anderen Familienmitglieder, alle mit der Anwaltskanzlei des verstorbenen (impotenten!) Adoptivvaters verquickt, hielten sie für verwöhnt und asozial. Lulas biologischer Vater war schwarz.
All das kriegt das Detektivpärchen Strike und Robin in ermüdend langen Ermittlungen und Zeugenbefragungen heraus. Rowling charakterisiert die seit mehreren Jahren mit einem Buchhalter verlobte Robin als patentes, rücksichtsvolles Mädchen, das von seiner romantischen Begeisterung für das Detektivspielen  und für den unterschenkelamputierten Strike dazu verleitet wird, gegen ihre wirtschftlichen Interessen bessere Jobangebote auszuschlagen und bei dem armen Mann zu bleiben, der unter Einsamkeit und hohen Schulden leidet. Strike muss einen Kredit bedienen, den ihm sein steinreicher Vater, ein in die Jahre gekommener Rockstar, gewährt hat. Würde er seinen Sohn lieben, hätte er ihm die Summe geschenkt, die „weniger wert ist als das beschissene Badesalz seines Butlers.“
JK Rowling bietet die Schmachtfetzenvariante der sozialen Anklage eines Charles Dickens: Geldversessene Eltern, ungeliebte Kinder.
Aus diesem Elend ragt die von Keuschheit, Respekt und militärischer Disziplin geprägte Kameradschaft von Robin und Cormoran heraus. Über den Tod hinaus verbündet sich das Heldenpaar mit der anderen wilden Edlen, der „milchkaffeefarbenen“ Schönheit Lula. Denn hinter der Glamourfassade des Topmodels schlug ein einsames, mildtätiges Herz. Lula hat sich rührend, und ohne dass es ihr gedankt wurde, um eine prollige Mitpatientin aus der Entziehungsklinik gekümmert. Sie hat ihre Millionen dem lange gesuchten leiblichen Bruder überschrieben, der  in Afghanistan Her Majesty dient. Dieser brave Soldat ist der einzige, der nicht von der Tandwelt des Geldes infiziert ist – und deshalb damit belohnt wird.
Dieser viktorianische Kitsch, der, wie Kolja Mensing aufzeigt, mit jeder Menge Ressentiments vermischt ist, fällt deshalb nicht sofort ins Auge, weil Rowling ein Händchen für die Schilderung von Situationen und Szenen hat. Auch eine gewisse Ironie mildert die moralisierende Dichotomie und verschafft  angenehme Lektüregefühle. Manchmal scheint es, als bediene Rowling sogar den Dekonstruktivisten im Leser. So lässt sie Cormorman Strike just dann die Treppe runterfallen, als er endlich den schlagenden, letzten Beweis gefunden hat. (Übrigens im herausnehmbaren Seidenfutter einer Designerhandtasche.)
Solche Spielchen könnten den Eindruck erwecken, Rowling nehme die Konstruktion ihres Romans auf die Schippe. Kein bisschen:  Ihr Detektivpaar ermittelt wie aus dem Lehrbuch des Rätselkrimis vergangener Zeiten.
Strike, der aussieht wie Jack Reacher, aber infolge seiner Behinderung nicht wie dieser handeln kann, verwandelt sich im zähen Fortschritt der Ermittlungen immer mehr in einen Hercule Poirot, der seine Leser mit Hinweisen auf Erkenntnisse zu fesseln versucht, die er demnächst enthüllen wird, jetzt aber noch nicht offenbaren kann. Gähn.
Der Ruf des Kuckucks kritisiert die Geldgier- und Promigesellschaft durch rückwärts gewandten Eskapismus. Deshalb entlarven Rowlings edlen Pappdetektive auch keinen Verbrecher: Der Mörder ist ein Wahnsinniger. Klarster Beweis seines Wahnsinns: Er hat sie engagiert. Nur so kann Rowling den Einsatz ihres viktorianischen Klischeepärchens im 21. Jahrhundert dramaturgisch legitimieren.

Robert Galbraith, d.i. JK Rowling: Der Ruf des Kuckucks
Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz
Blanvalet 640 S., 22,99 €

Roger Hobbs: Ghostman – hart, schnell, aber..

Hin und wieder versucht es ein junger Autor, in die Fußstapfen des großen Richard Stark zu treten, der in seinen Parker-Romanen noch ein vielleicht letztes Mal den einsamen, utilitaristischen Verbrecher als Fachkraft  für Raub und Überfall verewigt hat. Eine capernovel dieser Art ist aktuell Ghostman, dessen 24-Jähriger Autor Roger Hobbs von Talentsuchern  bereits als  Jünglings-Genie gehandelt wird. 
Der Ghostman ist ein Fachmann für Fluchten, Vertuschungen, Täuschungen und für das Ungeschehen-Machen von Verbrechen. Der wichtigste Mann also, wenn man Großes vorhat und ungeschoren davonkommen will.
Letzteres gelingt den beiden Gangstern nicht, die – gut gedopt und perfekt im Timing – ein Casino in Atlantic City überfallen haben. Kaum haben sie die Fahrer des Geldtransporters umgenietet und den 12-Kilo-Klotz Frischgeld aus der Bundesbank an sich gebracht, stehen sie selber unter Beschuss: Einer stirbt, der andere kann schwer verletzt fliehen. Marcus Hayes, der jugmarker (man kann bei Hobbs eine Menge Fachausdrücke und technisches Zeug lernen) des Überfalls, schickt Ghostman Jack Delton los. Jack hat weniger als 48 Stunden Zeit, die Beute vor dem Zugriff der Polizei oder des konkurrierenden Drogenbarons vor Ort in Sicherheit zu bringen. Denn in dem plastikverschweißten Packen mit 1,2 Mio Dollar (die Zeiten der  mythischen Milion sind vorüber) steckt eine Bundesbeiladung. Das ist ein Sprengsatz, der nach einer programmierten Frist das Geldpaket in die Luft pustet und eine Spur schafft, die sogar der dümmste Polizist nicht übersehen kann. Ghostman hat einen Job in Kuala Lumpur vermasselt und steht in Hayes Schuld.
Wie er sich auf der schmalen, halb versumpften und halb verrotteten Landzunge durchmogelt und -mordet, ist schon prima gemacht, vor allem die Konfrontation mit dem lokalen Druglord „Wolf“, der seine Feinde gerne mal ein Pfund Muskat runterwürgen und daran krepieren lässt, ist nicht schlecht choreografiert. Aber Hobbs gelingt es nicht, wirklich Interesse für Ghostmans Davonkommen zu wecken. Dafür ist der Kerl zu kalt und zu perfekt. Sein Hobby, das Übersetzen aus dem Lateinischen, wirkt als Charakter-Accessoire übertrieben, und wenn Ghostman bekennt, er wolle der Langeweile Ovids durch Action entkommen, dann klingt das genau so: als Statement für die Kulisse. Zudem wird Ghostmans Part aus der Ich-Perspektive erzählt, was rein erzähltechnisch seine Überlebenschancen auf 100 % bringt.
Kurz, trotz Lee Childs Lob für das Debüt des 24-jährigen Autors Hobbs: Richard Starks Parker war unter anderem deshalb so gut, weil er nur halb so viel geredet und mehr nachgedacht hat. Ich bin gespannt, wohin sich Hobbs entwickelt. In Richtung Greg Iles, der nach einem beachtenswert spannenden Debüt zum Pageturn-Plotter wurde, oder doch zum Nachfolger – wenn schon nicht Starks, dann vielleicht Lee Childs?



Roger Hobbs: Ghostman
Deutsch von Rainer Schmidt; Goldmann, 384 S., 14,99 €